Steigende Zahlen seit Corona-Pandemie
Immer mehr Alkoholtote: England steckt in stiller Gesundheitskrise
Die Zahl der alkoholbedingten Todesfälle in England ist seit Beginn der Corona-Pandemie drastisch gestiegen – und bleibt auf alarmierend hohem Niveau. Forscher des University College London (UCL) und der University of Sheffield sprechen in einer aktuellen Studie von einer „akuten Krise“, die sofortiges politisches Handeln erfordere.
Nach Schätzungen des Forschungsteams starben in den Jahren 2020 bis 2022 rund 3.900 Menschen mehr durch Alkohol als zu erwarten gewesen wäre, hätte sich der vorherige Trend fortgesetzt.
Zahl der Todesfälle steigt weiter
Die neuesten ONS-Zahlen aus dem Jahr 2023, die in der Studie noch nicht berücksichtigt wurden, bestätigen die Entwicklung: 8.276 Menschen starben im Zusammenhang mit Alkoholkonsum – ein neuer Höchststand.
„Der starke Anstieg während der Pandemie war kein Ausreißer. Die Zahl der Todesfälle bleibt hoch und steigt weiter“, warnt Dr. Melissa Oldham vom UCL Institute of Epidemiology & Health Care.
Sie fordert mehr Investitionen in das Gesundheitssystem, bessere Früherkennung von Lebererkrankungen und politische Maßnahmen wie Mindestpreise für Alkohol oder Werbebeschränkungen.
Laut Professor Colin Angus von der University of Sheffield verschärft der Anstieg die sozialen Ungleichheiten: Männer und Menschen aus benachteiligten Gegenden seien besonders betroffen. In ärmeren Regionen liege die Zahl der alkoholbedingten Todesfälle fast dreimal so hoch wie in wohlhabenderen Gegenden.
Die Ursachen sind vielschichtig. Laut Studie haben viele Menschen in der Pandemie mehr getrunken – vor allem jene, die schon zuvor regelmäßig Alkohol konsumierten. Die eingeschränkte medizinische Versorgung während der Lockdowns habe das Problem zusätzlich verschärft. Auch der Konsum bleibt offenbar erhöht: Die während der Pandemie entwickelten Trinkgewohnheiten sind laut den Forschern bisher nicht zurückgegangen.
Nicht nur Alkohol, auch Übergewicht
Neben Alkoholkonsum spielten auch weitere Faktoren eine Rolle. So könnte die gleichzeitige Zunahme von Übergewicht während der Lockdowns das Risiko für Lebererkrankungen weiter erhöht haben. Auch Covid-19 selbst habe möglicherweise indirekt beigetragen – etwa durch ein erhöhtes Sterberisiko bei bereits geschädigter Leber.
Mitautor Dr. Gautam Mehta sieht Versorgungsdefizite im Gesundheitssystem: In benachteiligten Regionen sei das Durchschnittsalter bei einem Tod durch Lebererkrankung um ganze neun Jahre niedriger. Und: Wer mit einer Leberzirrhose ins Krankenhaus eingeliefert werde, habe im Vergleich zu anderen Erkrankungen eine deutlich schlechtere Überlebenschance.
Ähnliche Trends werden auch aus anderen Ländern gemeldet – etwa aus Deutschland, Estland, Lettland, Bulgarien, Australien und den USA.
Die Forscher betonen: Die Regierung könne den Entwicklungen nicht länger zusehen. Ohne eine wirksame Alkoholpolitik lasse sich die wachsende Ungleichheit in der Gesundheitsversorgung nicht bekämpfen. Dr. Katherine Severi vom Institute of Alcohol Studies fordert ein entschlossenes Vorgehen gegen billig verfügbaren und aggressiv beworbenen Alkohol.
Auch Professor Sir Ian Gilmore von der Alcohol Health Alliance warnt: „Fünf Jahre nach Pandemiebeginn sterben weiterhin überdurchschnittlich viele Menschen an den Folgen von Alkohol – vor allem die, die schon vorher gefährdet waren. Die Regierung muss jetzt handeln.“
Alkoholbedingte Todesfälle in England – Entwicklung der letzten Jahre:
- 2018: 5.698
- 2019: 5.820
- 2020: 6.984
- 2021: 7.558
- 2022: 7.912
- 2023: 8.276