Als „Scheißer“ tituliert
Phallus-Symbole am Hadrianswall: Römerhumor oder antike Schutzzeichen?
Diese Phallussymbolik aus dem Jahr 207 n. Chr. wurde von Archäologen der Universität Newcastle in einem Steinbruch nahe dem Hadrianswall entdeckt. (Fotos: Universität Newcastle / GUARD Archaeology Ltd).
Der Hadrianswall in Nordengland gilt als eines der beeindruckendsten Bauwerke der Antike und markierte einst die Grenze des Römischen Reiches auf den britischen Inseln. Archäologen stießen entlang der Befestigungsanlage auf zahlreiche Darstellungen männlicher Genitalien, die tiefere Einblicke in das Leben und den Glauben der stationierten Soldaten gewähren.
Über eine Länge von etwa 117 Kilometern erstreckt sich der Hadrianswall durch die Landschaft Nordenglands. Er wurde ursprünglich errichtet, um das Römische Reich vor den Stämmen aus dem Norden zu schützen.
Hinter den massiven Mauern lebten und arbeiteten Soldaten, die weit entfernt von ihrer mediterranen Heimat stationiert waren. In den Stein ritzten sie unzählige Darstellungen von Phallussen, die heute als faszinierende Zeitzeugen dienen.
Diese Gravuren waren nach Ansicht von Experten keineswegs bloße Schmierereien oder vulgäre Witze. Vielmehr fungierte der Phallus, im Lateinischen als Fascinum bezeichnet, im antiken Rom als mächtiges Schutzsymbol.
Schutz vor dem bösen Blick
Die Römer glaubten fest daran, dass dieses Symbol den bösen Blick abwenden und Glück bringen konnte. Es sollte Gebäude, Reisende und wichtige Übergänge vor Unheil und dunklen Mächten bewahren.
Besonders häufig finden sich diese Darstellungen an strategisch wichtigen Orten wie Toren, Brücken und Versorgungslagern. Überall dort, wo Soldaten und Waren verwundbare Grenzpunkte passierten, diente das Symbol als spiritueller Schutzschild.
Archäologe Dr. Rob Collins von der Universität Newcastle hat bereits 57 dieser Steingravuren entlang des Walls katalogisiert. Die Qualität der Arbeiten variiert dabei von einfachen Kratzern bis hin zu kunstvollen Reliefdarstellungen.
Persönliche Botschaften und Konflikte
Wie ZME Science schreibt, lieferten die Ausgrabungen auch Hinweise auf sehr menschliche Emotionen und Konflikte. Im Jahr 2022 wurde eine Sandsteinplatte entdeckt, die neben einem Phallus eine gezielte Beleidigung enthielt.
Ein Mann namens Secundinus wurde auf diesem Stein auf äußerst unschmeichelhafte Weise als „Scheißer“ tituliert. Dies zeigt, dass die Symbole neben ihrer religiösen Funktion auch für persönliche Fehden und öffentlichen Spott genutzt wurden.
„Diese Inschriften sind wahrscheinlich die wichtigsten an der Grenze des Hadrianswalls“, erklärt Archäologe Dr. Rob Collins in einem Statement. Sie böten nicht nur Einblicke in das Bauprojekt, sondern zeigten auch sehr menschliche und persönliche Facetten des Soldatenlebens.
Technologischer Erhalt für die Zukunft
Neben Steingravuren wurden in der Region auch außergewöhnliche Objekte aus organischen Materialien gefunden. Im römischen Hilfstruppenkastell Vindolanda, Northumberland, entdeckten Archäologen beispielsweise einen lebensgroßen Holzphallus, der aus Eschenholz geschnitzt wurde.
Mikroskopische Analysen ergaben, dass das Objekt an beiden Enden durch häufigen Gebrauch glatt poliert war. Forscher diskutieren bis heute, ob es als Sexualobjekt, als Stößel oder als Teil einer religiösen Statue diente.
Heutzutage nutzen Wissenschaftler modernste 3D-Scantechnologien, um diese vergänglichen Kunstwerke digital zu erfassen. Diese Modelle ermöglichen es, die Glaubenswelt und den Humor der römischen Grenztruppen dauerhaft für die Nachwelt zu konservieren.
https://www.nordisch.info/laenderwissen/wie-gut-kennen-sie-england/
