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„Einzigartiges juristisches Dokument“

Dänemark: Mysteriöse Runeninschrift in 12. Jh.-Kirche als „Schuldschein“ entschlüsselt

Der dänischen Archäologin Lisbeth Imer ist es gelungen, eine bereits 1909 an der Wand einer kleinen Kirche in Sønder Asmindrup entdeckte Runenbotschaft zu entschlüsseln. Bislang hatte man lediglich die erste Zeile entziffern können, für den Rest jedoch gab es keine schlüssige Erklärung.


Bild 1: Lisbeth Imer (links) bei der Arbeit in der Kirche von Sønder Asmindrup. (National Museet / Frederikke Reimer)
Bild 2: Die Kirche, in der die Inschrift schon 1909 gefunden wurde. (National Museet / Roberto Fortuna)
Bild 3: Die betreffende Inschrift in der farblich hervorgehobenen Nahansicht. (National Museet / Roberto Fortuna)

Teil des Problems war offensichtlich, dass es sich bei dem zweiten Teil der Inschrift um eine absolut außergewöhnliche Mischung aus Runen und lateinischen Buchstaben handelt. Womöglich verfasst bzw. in den Stein gekritzelt vom Pfarrer der Gemeinde vor über 800 Jahren.

Also brauchte es eine interdisziplinär erfahrene Schriftforscherin und Runologin wie Imer, um das Rätsel zu lösen. Die Forscherin vom Dänischen Nationalmuseum in Kopenhagen hat bereits Dutzende von Kirchen besucht, um Inschriften zu entschlüsseln. Und hat dazu ein Fachbuch publiziert.

„Man könnte sagen, dass Kirchen wie versteinerte Landschaften sind, die mehr oder weniger so sind, wie sie waren, als sie im Mittelalter gebaut wurden. Es sind wirklich gute Orte, um etwas zu finden, das gut erhalten ist“, beschreibt Imer, was ihre Arbeit von ausgrabenden Archäologen unterscheidet.

Zum Vorschein kam die mittelalterliche Inschrift bereits 1909, als die Fresken der Kirche restauriert wurden. Bekannt war seither nur, dass im oberen Teil geschrieben stand: „Toke nahm Silber von Ragnhild als Leihgabe.“

Öffentliche Ansage an „Toke“, dass man ihn und sein Leihgeschäft im Blick behält

Mit anderen Worten: Dort stand all die Jahrhunderte eine alles andere als kirchliche Aussage geschrieben, deren Sinn sich vermeintlich nur aus dem Ganzen ergeben konnte. Und in der Tat: Teil zwei der Inschrift konnte auflösen, wenngleich er inhaltlich fast banal erscheint.

Dort steht nämlich: „2. Mai im Jahre des Heils 1210“, was laut Imer nur bedeuten kann, dass es sich um eine Art Schuldnachweis handelt. Sozusagen eine öffentliche Ansage an „Toke“, dass man ihn und sein Leihgeschäft bis zur Begleichung im Blick behält.

„Im Grunde ist es ein einzigartiges juristisches Dokument“, brachte Imer ihre Überraschung vor wenigen Tagen in einem Statement zum Ausdruck. „Das kennt man sonst auch im Mittelalter nur in Papier- bzw. organischer Form, aus Schuldscheinen, Urkunden oder Testamenten.“

Um der Sache auch optisch mehr Nachdruck zu verleihen, ist die Inschrift (vermutlich durch den Verfasser) mit pechschwarzer Kohle spezialbehandelt worden. Sie wurde nach Meinung von Imer auf die Inschrift aufgetragen und wieder abgewaschen, um als Farbrückstand gut sichtbar zu sein.

„Das geschah wahrscheinlich, um die Inschrift an der Wand deutlich hervorzuheben, sodass sie, wann immer man die Kirche bei Tageslicht betrat, sehr deutlich zu sehen gewesen sein müsste“, sagt Imer, der nur wenige ähnliche Inschriften auf der Welt bekannt sind.

Eine davon in der Kirche von Fole auf Gotland, wo geschrieben steht: „Dies ist das Zeugnis des Pfarrers und der Gemeindemitglieder, dass das Volk von Hellvi das Recht hat, die Kirchenstraße durch den Hof Lille Foles zu benutzen.“ Ein Streitfall offensichtlich, der auch hier über die Kirchenwand geklärt wurde.

Die Expertin vermutet, dass es den Leihvertrag zwischen Toke und Ragnhild auch in anderer Form gegeben haben könnte. „Auf organischem Material“, sagt Imer, was den zu gleichen Teilen mahnenden und erinnernden Charakter der Kircheninschrift nur untermauern würde.

Ob die Zahlungsmoral von Toke nicht die beste war? Man wird wohl nicht mehr in Erfahrung bringen können, was aus dem Leihgeschäft geworden ist. Weder Toke noch Ragnhild haben laut TV2 ØSTA in den Chroniken der Region belastbare Spuren hinterlassen.

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