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Außergewöhnliche Plexiglas-Verbindung von Kommerz und Kultur

Irland: 11. Jh.-Wohnhaus mit „Wikingerblut“ aufwendig in LIDL-Supermarkt integriert

Was tun, wenn im Untergrund des Bauplatzes für einen Supermarkt auf einmal archäologisch hoch bedeutsame Strukturen auftauchen? In der irischen Hauptstadt Dublin entschied man sich in diesem Fall für die sehr außergewöhnliche Koexistenz von Kommerz und Kultur unter einem Dach.

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Die absolut außergewöhnliche Plexiglas-Konstruktiopn in der LIDL-Filiale. Im Untergrund die nordisch-gälischen Gebäudereste aus dem 11. Jahrhundert – direkt an der Kasse. (Quelle: Youtube / RTE)

Dazu kam es so: Da 2020 bereits in der Planungsphase einer neuen LIDL-Filiale im historischen Stadtkern von Dublin klar war, dass da etwas im Untergrund sein könnte, holten die Verantwortlichen frühzeitig archäologischen Sachverstand mit ins Boot.

Und tatsächlich, die Irish Archaeological Consultancy (IAC) wurde fündig, wenngleich bei den fälligen Ausgrabungen nicht nur die erhofften Überreste einer Kirche, sondern überraschend auch die Fundament-Teile eines gänzlich unbekannten Wohnhauses aus dem Mittelalter zu Tage traten.

Genauer gesagt entdeckten die Wissenschaftler die Überreste eines Kellers oder Lagerraums, die auf den Zeitraum um 1070 nach Christus datiert wurden. „Es ist ein einzigartiges Bauwerk für Dublin, wir kennen nichts Vergleichbares in der Stadt“, sagte damals ein IAC-Sprecher.

Nach Abschluss der Untersuchung gehen die Archäologen davon aus, dass das Haus einen nordisch-gälischem Hintergrund hat. Klar ist: Die Gall-Goídil, wie die Volksgruppe mit Wikingerblut im Altirischen genannt wird, stellten im 11. Jahrhundert einen Gutteil der Bewohner Dublins.

Bauliche Reminiszenz an das von den Wikingern gegründete „Kingdom of Dublin“

Hintergrund: Da sich die Wikinger im Zuge ihrer Raub- und Eroberungszüge auch in Irland niederließen, kam es dort ähnlich wie auf der britischen Hauptinsel nach und nach zur Vermischung von sozusagen angestammter und zugewanderter bzw. gälischer und nordischer Kultur.

Diese „Norse-Gaels“, wie sie im Englischen genannt werden, beherrschten bis zum 12. Jahrhundert weite Teile der Regionen um die Irische und die Schottische See. Und eines der Zentren dieser Entwicklung war eben Dublin, wohin es die Nordmänner ab dem 9. Jahrhundert verschlagen hatte.

(RTE-Videobeitrag über das außergewöhnliche Bauprojekt in der Aungier Street)

Das von ihnen gegründete „Kingdom of Dublin“ sollte das früheste und am längsten bestehende nordische Königreich in Irland werden, wobei das Gebiet in etwa dem der heutigen Grafschaft Dublin entsprach. Also im Prinzip die heutige Hauptstadt plus umliegende Ländereien.

Insofern war klar, dass das bei den Grabungen entdeckte Fundament unter allen Umständen erhalten werden musste. Also entschieden sich LIDL als Bauherr und die IAC als Kulturwächter für eine Erhaltungsmaßnahme, die wahrscheinlich ihresgleichen sucht.

Erst schloss man die Ausgrabungen ab, konservierte den Fund und baute dann den neuen LIDL-Supermarkt darüber, wobei man mithilfe eines in der Tat sehenswerten Glasbodens für die angestrebte Transparenz in den nordisch-gälischen Bauuntergrund sorgte.

Seit der Fertigstellung des Marktes haben Kunden somit die Möglichkeit, sich neben Obst, Käse und Gemüse noch eine gute Portion Stadtgeschichte zu gönnen – per Fahrt mit dem Einkaufswagen über das alte Gemäuer. Für Geschichtsliebhaber vielleicht nicht schön, aber selten.

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