199 Leichen aus dem 2. Weltkrieg
Würdelose Umbettung? Neues Massengrab in Estland sorgt für Empörung

Auf der estnischen Insel Saaremaa sorgt der Zustand eines Massengrabs für Empörung, nachdem dort 199 im Zweiten Weltkrieg hingerichtete Personen ohne jegliche Kennzeichnung beigesetzt wurden. Die sterblichen Überreste waren im vergangenen November vom Schloss Kuressaare auf den Friedhof Saikla-Nõmme überführt worden, doch bis heute erinnert dort kein Stein an die Verstorbenen.
Der Direktor des Estnischen Jüdischen Museums, Gennadi Gramberg, bezeichnete den Anblick der Grabstätte als äußerst trostlos und unzureichend. Er betonte, dass der Ort für Außenstehende lediglich wie ein unscheinbarer Erdhaufen wirke und keinerlei Informationen über die dort ruhenden Menschen biete.
Unter den Beigesetzten befinden sich fünf Personen jüdischer Herkunft, die während der deutschen Besatzung allein aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit hingerichtet wurden. Gramberg hob hervor, dass diese Menschen keine Verbindungen zur sowjetischen Besatzungsmacht hatten und eine würdige Erinnerung verdienen.
Fehlende Gedenktafeln und historische Hintergründe
Zu den Opfern zählen unter anderem ein lokaler Arzt sowie ein Kaufmannsehepaar aus Kuressaare, deren Geschäft zuvor von den Sowjets verstaatlicht worden war. Auch der bekannte Sportler Savel Kletski, der elf nationale Rekorde im Motorsport hielt, befindet sich unter den Toten des Massengrabs.
Ursprünglich war geplant, das alte Denkmal vom ursprünglichen Fundort ebenfalls auf den Friedhof zu versetzen oder eine neue Tafel zu installieren. Gennadi Gramberg erklärte dazu: „Als ich dieses Jahr im Urlaub auf Saaremaa war und sehen wollte, was auf dem Friedhof passiert, war das Bild ziemlich düster.“
Da am Grab keinerlei Hinweise zu finden waren, behalf sich der Museumsdirektor nach jüdischer Tradition selbst mit einer provisorischen Lösung. Er suchte einen Stein auf dem Gelände und legte ihn auf die Grabstelle, um wenigstens ein minimales Zeichen des Gedenkens zu setzen.
Verzögerungen durch hohe Arbeitslast beim Kriegsmuseum
Hellar Lill, der Direktor des Estnischen Kriegsmuseums, begründet die fehlende Kennzeichnung mit einer außergewöhnlich hohen Arbeitsbelastung seiner Institution. Er räumte ein, dass man aufgrund zahlreicher Umbettungen im ganzen Land bisher schlichtweg keine Zeit für die neuen Grabsteine gefunden habe.
Wie das Medium ERR News berichtet, gibt es derzeit keinen konkreten Zeitplan für die Installation der Informationstafeln oder Denkmäler. Lill versicherte jedoch, dass man das Problem in Zusammenarbeit mit der Gemeinde Saaremaa lösen werde, sobald die Kapazitäten dies zuließen.
Kritik an einer mangelnden Würde bei der Umbettung wies der Museumschef entschieden zurück und betonte die Einhaltung aller gesetzlichen Vorschriften. Er fügte hinzu, dass die Überreste auf dem Friedhof nun respektvoller untergebracht seien als an ihrem vorherigen Standort im öffentlichen Raum.
Zukunft der estnischen Kriegsgräber
Das Kriegsmuseum plant für dieses Jahr noch weitere Umbettungen, wobei die Identifizierung und Kennzeichnung weiterhin eine große Herausforderung darstellen. Da immer wieder neue, unmarkierte Gräber bei Bauarbeiten entdeckt werden, wird diese Aufgabe laut Lill noch viele Jahre in Anspruch nehmen.
Bisher bleibt unklar, wo genau das ursprüngliche Denkmal verblieben ist, das zuvor in der Nähe des Schlosses Kuressaare stand. Es gab Überlegungen der Gemeinde, das historische Monument in ein Militärmuseum in Sõrve zu überführen, doch eine Bestätigung steht noch aus.
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