Warum dieser Fund anders ist als die anderen
Sechs Silberringe verraten mehr als dreitausend Münzen
Ausgrabung auf dem Hof Svadberg in Årdal: das wikingerzeitliche Langhaus am Steilhang, die Reste dreier abgebrannter Nebengebäude und der Silberhort aus sechs Armringen – darunter ein Ring mit zwei darumgebogenen arabischen Münzen. (Fotos: T. G. Bell, V. Demuth, C. Oschmann, A. Øvrelid, Archäologisches Museum, Universität Stavanger)
Es war das Ende der Grabungssaison 2024, und eigentlich versprach der Ort wenig. Ein Bauer in Årdal in der norwegischen Provinz Rogaland wollte entlang des Berghangs einen Traktorweg anlegen, das Archäologische Museum der Universität Stavanger rückte zur Voruntersuchung an. Eine routinemäßige archäologische Überprüfung sollte stattfinden.
Die Flurbereinigungskarte von 1871 wies das Gelände als Weide aus, die nicht zum bewirtschafteten Hofland gehörte. Ungepflügter Boden erhält, was in ihm liegt. Nur sprach wenig dafür, dass dort überhaupt etwas lag: Wer siedelt schon direkt unter einem Steilhang, von dem sich Steine lösen können?
Dann stieß eine der Handhacken, mit denen die Fläche abgezogen wurde, auf etwas Metallisches in der braunen Erde.
„Zuerst hielten wir es für modernen Schrott, Kupferdraht oder Ähnliches“, sagt der Archäologe Volker Demuth vom Archäologischen Museum. „Doch bald war klar, dass wir auf etwas Ungewöhnliches gestoßen waren.“
Im Boden lagen mehrere Armringe aus Silber, teils glatt, teils tordiert – Formen, wie man sie aus der Wikingerzeit kennt.
Warum dieser Fund anders ist als die anderen
Silberhorte kommen in Norwegen durchaus vor. Das Problem ist nur: Fast alle wurden vor Jahrzehnten zufällig beim Pflügen entdeckt oder später mit dem Metalldetektor aufgespürt. Sie liegen in Museumsvitrinen, ohne dass jemand sagen könnte, wo genau sie lagen und was um sie herum war.
Wie selten das ist, zeigt der größte norwegische Silberfund der vergangenen Jahrzehnte. Im April 2026 bargen Archäologen bei Rena in Åmot fast 3000 Silbermünzen, vergraben um 1047 – aufgespürt von zwei Sondengängern.
In Årdal war es umgekehrt. Nachdem die Fläche sorgfältig freigelegt war, zeichnete sich um den Fundort herum ein Grundriss ab: viele Pfostenlöcher, eine große Feuerstelle in der Mitte, kräftige dachtragende Pfosten in steinverkeilten Löchern.
Ein Langhaus von etwa 5,5 mal 15 Metern. Das Silber hatte nicht irgendwo im Boden gelegen, sondern offenbar unter der Schlafbank an der Längswand.
Was im Haus zurückblieb
Im Herd lagen verbrannte Knochen, Reste der Mahlzeiten. Daneben kamen Fragmente von Kochtöpfen aus Speckstein zutage, ein Spinnwirtel, ein Webgewicht – Spuren von Essenszubereitung und Textilhandwerk, Tätigkeiten, die vermutlich vor allem Frauen verrichteten.
Das ist mehr, als es klingt. Über den Alltag der Wikingerzeit geben die schriftlichen Quellen kaum etwas her; die Sagas wurden Jahrhunderte später niedergeschrieben und richten den Blick auf die Geschichte der „großen Männer“. Die Funde im Boden erzählen von den anderen.
Auf Svadberg allerdings, schränkt Demuth ein, gehörten diese anderen einer verhältnismäßig gehobenen Schicht an: – Sie wohnten in einem Haus von etwa 5,5 mal 15 Metern und hatten Silber übrig – genug, um einen Teil davon im Haus zu verstecken.
Bleibt die Frage nach der Lage. Das Haus stand unmittelbar am Hang, im Steinschlagbereich. „Vielleicht fiel die Risikoabwägung in der Wikingerzeit anders aus als heute?“
Drei Häuser, die abbrannten
Zwanzig Meter südwestlich lagen merkwürdige Holzkohleflecken im Boden. Nach dem Putzen mit Kratzer und Kelle zeigten sich die Reste dreier kleiner Gebäude, mindestens zwei davon mit Feuerstellen oder Öfen aus Stein und Lehm.
Pfostenlöcher fanden sich keine – möglicherweise Blockbauten auf Schwellsteinen. Aus Holz jedenfalls, und abgebrannt: Anders wären die bis zu 20 Zentimeter dicken Brandschichten nicht entstanden.
In einem der Häuser blieben verkohlte Dielen erhalten, dazu Nägel und Nieten aus Eisen, wahrscheinlich von Truhen oder Möbeln. Und auf dem Boden lag ein gut erhaltenes Vorhängeschloss.
Davon sind in Norwegen nur wenige bekannt. Drei ähnlich konstruierte Stücke stammen aus Ostnorwegen, ein weiteres Fragment aus der Gemeinde Eigersund. Alle wurden vor vielen Jahren gefunden, die Fundumstände sind schlecht dokumentiert, die Datierung schwankt zwischen Wikingerzeit und frühem Mittelalter.
Das Stück aus Årdal lässt sich dagegen einem Gebäude von etwa drei mal vier Metern zuordnen, in dem offenkundig etwas Wertvolles verwahrt wurde – gefunden wurden dort Wetzsteine, ein eisernes Messer und ein Waagegewicht aus Blei.
Die genommenen Proben werden radiometrisch datiert. Danach dürfte es das am besten datierte Vorhängeschloss Norwegens sein, sagt Demuth, und vielleicht das einzige, dessen Verwendungszweck sich genau rekonstruieren lässt.
Ob die drei kleinen Häuser gleichzeitig mit dem Langhaus standen oder eine spätere Phase des frühen Mittelalters vertreten, ist offen. Die Antwort darauf hängt von den Datierungen aus dem Haus mit dem Silber ab.
Sechs statt vier
Die Ringe wurden im Block geborgen und in der Restaurierungswerkstatt freigelegt. Eine Röntgenaufnahme hatte gezeigt, dass sie dicht beieinander und aufrecht in der Erde lagen, aber nicht, wie viele es waren. Das Team tippte auf vier. Es waren sechs: drei einfache glatte Drahtringe und drei aus mehreren kunstvoll tordierten Silberdrähten.
Reinigung und Konservierung sind noch nicht abgeschlossen, doch das Silber schimmert bereits durch die Erdreste. Korrosion gibt es keine – ein Hinweis auf einen hohen Reinheitsgrad.
Die eigentliche Überraschung kam zuletzt. Um einen der dünnen glatten Armringe waren zwei Silbermünzen gebogen.
„Etwas Vergleichbares ist bisher nicht beobachtet worden“, so Demuth. Die Münzen erinnern an arabische Prägungen, die im 9. und frühen 10. Jahrhundert die wichtigste Silberquelle des Nordens waren – Metall, das über die russischen Flusswege in den Norden gelangte und dort zu Schmuck umgearbeitet wurde.
Ein Unglück, von dem die Forschung lebt
Dass in den Häusern überhaupt so viele Gegenstände lagen, geht wahrscheinlich auf ein Unglück für die damaligen Bewohner zurück. Wer sein Haus in Ruhe verlässt, nimmt Messer, Wetzsteine und Vorhängeschloss mit. Hier blieb alles liegen – und das Silber unter der Schlafbank holte niemand mehr ab.
Der Untergrund blieb seit dem Mittelalter unberührt, weil das Gelände als Weide diente.
„Die Erforschung dieses Fundplatzes hat gewissermaßen erst begonnen“, sagt Demuth. Wenn alle Analysen vorliegen, dürfte sich neues Licht auf das Leben in der Wikingerzeit werfen lassen.
https://www.nordisch.info/laenderwissen/geographie-quiz-norwegen/
