Monatelang in der Schachtel mit Knöpfen gelegen

„Knopf“ entpuppt sich als einzigartige Münze des letzten Wikingerkönigs


Auf der Rückseite des Objekts ist die aufgesetzte Kupferplatte zu erkennen. Vorderseite der Münze mit einem „Kreuz über Kreuz“-Motiv. Das Röntgenbild zeigt einen Greif. (Fotos: H. Hollund, Archäologisches Museum, UiS)

An einem klaren Frühlingstag dreht Morten Eek vom Detektorklub Rygene mit anderen Klubmitgliedern seine Suchrunden auf einem Feld beim Kloster Utstein. Stundenlang passiert nichts – und als der Detektor schließlich anschlägt, sieht der kleine Gegenstand, den er in der Erde findet, nicht nach etwas Besonderem aus.

Er wird mitgenommen und beiseitegelegt. Erst später zeigt sich: Morten Eek hat ein einzigartiges Exemplar einer norwegischen Münze aus dem Mittelalter gefunden – einen Typ, der nie zuvor auf norwegischem Boden gefunden wurde.

Monatelang in der Knopfschachtel

Die Bedingungen an jenem Apriltag im vergangenen Jahr waren gut: Die Sonne zeigte sich, das Gras war abgeweidet, neugeborene Lämmer genossen die beginnende Wärme. Der kleine Gegenstand, aus 10 bis 15 Zentimetern Tiefe in der Pflugschicht geborgen, wurde an Ort und Stelle begutachtet.

Eine blanke Seite weckte zwar Interesse, doch die Gegenseite bestand aus Kupfer – und so galt der Fund als Knopf, den man sich später ansehen könnte. Kein ungewöhnlicher Schluss, denn zwei- bis dreihundert Jahre alte Kleiderknöpfe aus Zinn, Silber und Bronze gehören zu den häufigsten Sondenfunden. Zu Hause landete das Stück in einer Schachtel mit anderen Knöpfen, abgegriffenen Münzen und unkenntlichen Metallresten.

Ein paar Monate später wurde der Fund bei einer Durchsicht der Schachtel wieder hervorgeholt. Die feine, blanke Seite mit ihrem eigentümlichen Kreuz konnte durchaus als Münze durchgehen – und ein Abgleich mit der Literatur ergab eine verblüffende Ähnlichkeit mit einer Abbildung im Referenzwerk „Norges mynter fra middelalderen“ („Norwegens Münzen aus dem Mittelalter“) von C. I. Schive aus dem Jahr 1865.

Unter der Lupe zeigte sich zudem, dass das Stück um eine Kupferplatte gebogen war – mit der Machart eines gewöhnlichen Knopfes kaum vereinbar. Nach einer Anfrage in einer Social-Media-Gruppe für Sondengänger und Archäologen kam rasch ein Austausch mit dem Archäologischen Museum der Universität Stavanger zustande, und der Fund wurde umgehend zur Untersuchung abgeliefert.

Eine Münze mit zweitem Leben

Dass der Gegenstand zum Verwechseln wie ein Knopf wirkte, liegt an einer sogenannten Sekundärbearbeitung: Irgendwann wurde auf eine Seite der Münze eine Kupferplatte gelegt und der Münzrand um deren Kante gebogen. Zwei runde Kerben am Außenrand deuten auf Befestigungen hin, vielleicht für eine Kette oder einen Bügel – aus der Münze war ein Schmuckstück geworden.

Verschmutzt, wie das Stück war, wirkte diese Konstruktion auf den ersten Blick eher wie ein Knopf. Zum Glück schaute der Finder genauer hin: Die sichtbare Seite bestand aus hochwertigem Silber und ähnelte stark dem Revers einer Münze aus einem Schatzfund, der 1863 auf dem Friedhof von Sand auf der färöischen Insel Sandoy gemacht wurde.

Kreuz über Kreuz – und eine Münzreform

Die sichtbare Seite zeigt ein Kreuz aus Doppellinien mit Halbkreisen oder Schalen an den Enden der Kreuzarme; in den Kreuzwinkeln erwecken Linien den Eindruck eines darunterliegenden einfachen Kreuzes. Dieser Motivtyp „Kreuz über Kreuz“ war vom Ende des 11. bis in die ersten Jahrzehnte des 12. Jahrhunderts in Gebrauch – die Umschrift am Rand ist allerdings nur in einzelnen Buchstaben erhalten.

Die Münzgeschichte dahinter:

Seit Harald III. Hardråde rund 50 Jahre zuvor ein norwegisches Münzwesen etabliert hatte, wogen die Münzen anfangs etwa 0,9 Gramm und bestanden zu über 90 Prozent aus Silber. Hardråde senkte den Silbergehalt jedoch systematisch, bis er am Ende seiner Regierungszeit im Schnitt unter 17 Prozent lag – der Münzherr konnte so aus derselben Menge Silber mehr Münzen prägen und einen fiktiven Mehrwert schöpfen.

Sein Sohn Olav Kyrre setzte diese Politik zunächst fort, versuchte aber um 1080, den Silbergehalt wieder etwas anzuheben. Als Magnus Barfuß 1093 König wurde, ging er weiter: Er halbierte das Münzgewicht, verwendete aber dieselbe Menge Silber – der Feingehalt stieg auf etwa 90 Prozent, die Münzen waren damit wieder vollwertiges Silbergeld.

Nach seinem Tod wurden die Münzen erneut kleiner und dünner, und es wurde üblich, nur noch eine Seite zu prägen.

Das Motiv „Kreuz über Kreuz“ kommt sowohl auf zweiseitigen Münzen von Magnus Barfuß als auch auf späteren Prägungen vor; bei den zweiseitigen zeigte die andere Münzseite ein Fabeltier. Um den Utstein-Fund einzuordnen, kam es daher auf die verdeckte Seite an.

Ein Greif unter der Kupferplatte

Die Kupferplatte einfach zu entfernen, kam aus kulturhistorischer Sicht nicht infrage: Der überlieferte Gegenstand ist das Schmuckstück selbst, und die Umarbeitung gehört zur Biografie des Objekts – zu einer rund 1000-jährigen Lebensgeschichte mit wechselnden Bedeutungen. Stattdessen wurde ein Röntgenbild angefertigt.

Es zeigte: Die Münze ist beidseitig geprägt, und unter der Platte verbirgt sich ein Greif – genau wie auf der Münze von Sandoy. Nur kleine Abweichungen in der Form des Kopfes sind auf dem Bildmaterial zu erkennen.

Das Motiv wird in der Fachliteratur teils als Greif, teils als Markuslöwe gedeutet. Der geflügelte Löwe wurde ab etwa dem Jahr 300 zum Symbol des Evangelisten Markus; der Greif dagegen – Löwenkörper mit Flügeln und Raubvogelkopf – ist als Symbol viel älter, galt im Christentum als zoologische Realität und stand in der romanischen Kirchenkunst für die Dualität Christi als Mensch und Gott. Das Tier auf diesen Münzen ähnelt am ehesten einem Greif.

Nur vier Exemplare weltweit bekannt

Zweiseitige Münzen mit der Kombination aus Greif und „Kreuz über Kreuz“ waren bislang nur in vier Exemplaren bekannt: eines aus dem Hortfund von Sandoy, drei aus einem Hortfund von Lundby Krat bei Aalborg in Dänemark.

Die Utstein-Münze scheint mit demselben Stempel geprägt wie eine der dänischen – ein Hinweis auf den begrenzten Umfang der Münzprägung unter Magnus Barfuß.

Insgesamt sind nur rund 100 Münzen aus seiner Regierungszeit bekannt, verteilt auf zwölf Funde. Zum Vergleich: Von Olav Kyrre sind 2670 Münzen aus elf Hortfunden erhalten, davon über 2200 aus einem einzigen Fund – womöglich würde ein einziger großer Schatzfund genügen, um auch die Prägung von Magnus Barfuß völlig neu zu bewerten.

Der letzte Wikingerkönig

Magnus Barfuß wird oft als der letzte Wikingerkönig bezeichnet – bekannt für den Ausspruch, einen König habe man zu Ruhm und Ehre und nicht für ein langes Leben. Er starb mit 30 Jahren.

Im heutigen Norwegen wurden nur wenige seiner Münzen gefunden: in Hjerkinn auf dem Dovrefjell (10 Münzen), in Trondheim und auf Utstein (je 1 Münze). Allerdings war Norwegen damals größer als heute – die Färöer gehörten zum Reich, und Magnus dehnte das Territorium auf die Inseln im Westmeer, die Hebriden und die Isle of Man aus, bevor er auf seinem zweiten Kriegszug bei einer Landung in Irland in einen Hinterhalt geriet und getötet wurde.

Sein Vater Olav Kyrre gilt als friedliebender König, unter dem fast 30 Jahre Frieden herrschten. Magnus glich eher seinem kriegerischen Großvater Harald Hardråde – und man kann sich vorstellen, dass seine Münzreform gerade von dieser Expansionspolitik motiviert war.

Utstein – ein Ort mit langer Geschichte

Die Münze wurde auf einem Feld nördlich des Klosters Utstein gefunden, wo in den vergangenen 15 Jahren bereits mehr als zehn mittelalterliche Gegenstände geborgen wurden. Daneben kam viel moderner Schrott zutage – ein Hinweis darauf, dass hier in neuerer Zeit Erdmassen von einem Hofplatz oder bebauten Gelände aufgeschüttet wurden.

Auf und um Utstein finden sich kulturhistorische Zeugnisse aus einem langen Zeitraum: Auf Galta auf der Insel Rennesøy liegt der älteste bekannte Steinzeit-Siedlungsplatz, auf der Klosterinsel Klosterøy zeugen mehr als 170 Grabhügel und Steinhügelgräber von der älteren Eisenzeit.

Bodenradaruntersuchungen haben zudem einen möglichen Handelsplatz aus der Wikingerzeit nachgewiesen – mit Spuren von Grubenhäusern, kleinen Werkstattgebäuden für Textilhandwerk und Kammherstellung, wie sie typisch für Handelsplätze sind.

In den schriftlichen Quellen taucht Utstein früh auf: in Torbjørn Hornkloves Preislied nach der Schlacht von Hafrsfjord, die um das Jahr 872 datiert wird. Anfang des 11. Jahrhunderts bei Snorri als Alterssitz von Harald Schönhaar und in der Saga von Olav dem Heiligen,. Danach schweigen die Quellen 250 Jahre – bis zum Testament von Asbjørn von Heimnes aus den 1280er-Jahren, das Utstein drei Mark und ein Bärenfell zudenkt.

Ausgrabungen zeigen zudem Gebäudespuren, die älter sind als das Kloster. Der norwegische Bauforscher Gerhard Fischer, der Utstein im 20. Jahrhundert eingehend untersuchte, verband sie mit Magnus Håkonsson: Der wurde 1258 zum Mitkönig gekrönt und erhielt das Rygjafylke als Herrschaftsgebiet. Als er 1263 nach dem Tod seines Vaters die Regierung übernahm und nach Bergen zog, überließ er Utstein den Augustinern.

Die strategische Lage muss für die Wahl des Ortes als Königshof entscheidend gewesen sein: Utstein liegt am Schifffahrtsweg zwischen Stavanger und dem Karmsund und kontrollierte die Küstenroute, die Einfahrt in die Ryfylke-Fjorde und vielleicht die Überfahrt zu den Britischen Inseln – mit dem besten Hafen weit und breit.

Die Historikerin Eldbjørg Haug, die die Geschichte von Utstein umfassend erforscht hat, vermutet, dass der Ort als Veitsle-Gut des Häuptlings Erling Skjalgsson diente; auch in der Bürgerkriegszeit des 12. Jahrhunderts dürfte seine militärische Bedeutung kaum geringer gewesen sein. War Utstein also auch unter Magnus Barfuß ein Ort von Bedeutung?

In Stavanger begann um diese Zeit der Bau der steinernen Kathedrale – mit Grünschiefer aus dem Steinbruch von Ertenstein auf Rennesøy, rund zehn Kilometer nordöstlich von Utstein. Es ist denkbar, dass rund um Utstein Aktivitäten im Zusammenhang mit dem Dombau stattfanden, während die Münzen von Magnus Barfuß als Zahlungsmittel kursierten – belegen lässt sich das ohne weitere Grabungen bislang nicht.

Eine große Unbekannte bleibt: Wann die Münze zum Schmuckstück wurde, ist offen – und da Schmuck lange getragen werden kann, könnten für diesen Fund ganz andere Abschnitte der Geschichte Utsteins relevant sein. Analysen sollen die Datierung dieses Funktionswandels nun eingrenzen.

Ein Überraschungsei von 0,81 Gramm

Der Fund von den Feldern des Klosters Utstein ist wie ein kleines Überraschungsei: In 0,81 Gramm stecken die Geschichte einer seltenen Münze als wirtschaftliches und politisches Instrument, die Geschichte eines Ortes in quellenarmen Jahrhunderten – und die Geschichte eines Schmuckstücks, gefertigt aus einer damals aktuellen oder vielleicht schon alten Münze.

Aus einem kleinen Gegenstand kann viel neues Wissen entstehen. Das zeigt, wie wichtig es ist, dass auch solche Objekte gefunden, abgeliefert und erforscht werden.

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