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Mahnendes Beispiel im Klimawandel

Dunwich in England: Einst groß und mächtig wie London – heute versunken im Meer

Wenn man durch das Küstenörtchen Dunwich in Suffolk fährt, findet man eine fast perfekte englische Idylle vor. Die Region ist ein kleines Träumchen, sehr ländlich und umgeben vom Naturschutzgebiet Westleton Heath. Dazu das Meer direkt vor der Nase, mit einem großen Kieselstrand, der bei Besuchern des Ortes sehr beliebt ist.

Slide #1 Dunwich: Nur ein Straßenzug ist übrig von der einst großen Stadt (Foto: www.mike-page.co.uk). dunwich heute Slide #1 Dunwich im Vordergrund, im Hintergrund war früher einmal der Hafen (Foto: www.mike-page.co.uk). alter hafen Slide #1 Illustration: So könnte Dunwich früher einmal ausgesehen haben (Foto: www.dunwichmuseum.org.uk). illustration altes dunwich Slide #1 Illustration: Altes Dunwich-Stadttor mit Befestigung (Foto: www.dunwichmuseum.org.uk). dunwich illustration Slide #1 Die schöne St. James's-Kirche am Ortseingang (Foto: www.mike-page.co.uk). alte kirche Slide #1 Überreste altes Kloster am "Monastery Hill" (Foto: www.mike-page.co.uk). Slide #1 Illustration: Querschnitt durch Graben und Holzpalisade (Foto: www.dunwichmuseum.org.uk). graben dunwich Slide #1 Mittelalterliche Mauerfragmente in Dunwich (Foto: www.dunwichmuseum.org.uk). Mauer Dunwich Slide #1 Im Dunwich-Museum wird die Geschichte der Stadt greifbar (Foto: www.mike-page.co.uk).

So gesehen ist Dunwich eines von unzähligen wundervollen Dörfern, die sich an Englands Ostküste tummeln. Es gibt ein paar Fremdenzimmer, ein Teehaus, die obligatorische alte Steinkirche. Und logisch, einen urigen Pub, in dem die gesamte Klaviatur der englischen Küche dargeboten wird.

Doch der Eindruck täuscht, jedenfalls historisch gesehen, da Dunwich – dem Augenschein nach kaum zu glauben – einst ein prosperierendes Handelszentrum war, das London, ja: diesem London, in so gut wie nichts nachstand. Und wer weiß, was Dunwich heute wäre, wäre da nicht dieses eine einschneidende Jahr 1286 gewesen, das alles für immer verändert hat. Aber der Reihe nach…

Jahrhunderte zuvor waren es zunächst die Römer, die den Küstenstreifen wirtschaftlich und militärstrategisch für sich entdeckten. Dunwich dürfte sich in dieser Zeit laut einem Bericht auf HeritageDaily rasch zu einer für damalige Verhältnisse großen Siedlung entwickelt haben.

Hierfür gibt es neben handfesten archäologischen Belegen auch etliche Hinweise in römischen Dokumenten. So auch den, dass es in unmittelbarer Nähe ein voll befestigtes Kastell gegeben haben muss, um die Stadt, ihre Bewohner und die Handelswege zu beschützen.

Am Übergang von der Antike ins Mittelalter konnte Dunwich seinen Status dann nicht nur behaupten, sondern weiter ausbauen. Belegt ist, dass sich die Stadt im 7. Jahrhundert nach Christus vom regional alles überstrahlenden Hafen zu einem Bischofssitz entwickelte.

Nun hatten Handel und Religion, die beiden wesentlichen Eckpfeiler erfolgreicher mittelalterlicher Zivilisationen, von Dunwich gleichermaßen Besitz ergriffen – und machten die Stadt so zu einem der einflussreichsten Knotenpunkte auf englischem Boden bzw. zur privilegierten „Towne of good note abounding with much riches and sundry kind of merchandise“, wie HeritageDaily schreibt.

Wer also heute die sehr beschauliche St. James‘s-Street von der Kirche zum Pub und zur Küstenlinie entlangschlendert, hier reden wir über maximal 400 Meter, der wird viel Vorstellungskraft aufbringen müssen, um sich ins Dunwich des 12. Jahrhunderts hineinversetzen zu können.

Denn um das Jahr 1150, sozusagen auf dem Höhepunkt, verfügte die Stadt über neunzehn Kirchen und Kapellen, zwei Klöster und sogar zwei Krankenhäuser – das St. James-Hospital und das Maison Dieu. Der eigene Wohlstand hatte die Stadt von Nord nach Süd auf über eine Meile anwachsen lassen. Flächenmäßig war man damals nahezu auf Augenhöhe mit London. Stand heute: kaum zu glauben.

Doch dann kam besagtes Jahr 1286, ab dem sich das Blatt für Dunwich und all seine Bewohner in beispielloser Art wendete. In diesem Jahr nämlich wurde die unwettererprobte Ostküste Englands gleich mehrfach von verheerenden Sturmfluten heimgesucht. Und zwar so heftig, dass quasi über Nacht weite Teile der Stadt unwiederbringlich ins Meer gespült wurden.

museum dunwich
Das sehr zu empfehlende Museum in Dunwich (Foto: Mike Page)
Nachdem dann 1328 und 1362 zwei weitere Sturmfluten Dunwich den Gnadenstoß gegeben hatten, übernahm für ein paar weitere Jahrhunderte die Küstenerosion. In der Folge liegt die heutige Küstenlinie sage und schreibe zwei Kilometer weiter landeinwärts als damals. Das stolze Dunwich von einst, komplett vom Meer verschluckt.

Das Spannende daran: Um einen Eindruck von Dunwich in seiner historischen Dimension zu erhalten, machten sich Experten der University of Southampton 2013 daran, die Stadt mithilfe von Sonartechnik wieder ein wenig zum Leben zu erwecken.

Durch das Wissenschaftsprojekt entstand eindrucksvolles Kartenmaterial darüber, wie alles einst gewesen sein muss. Teilweise bis aufs Haus genau konnten die Wissenschaftler die heute bis zu 10 Meter tief im Meer vergrabenen Straßenzüge rekonstruieren. Zentraler Ausstellungsort der faszinierenden archäologischen Arbeit ist ein kleines Heimatmuseum, das sich mitten in Dunwich befindet.

Zugleich darf der Bezug zu Museum und Mittelalter nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Thema der im Meer versunkenen Stadt schon bald wieder sehr aktuell sein könnte. Darauf weisen aktuelle Berechnungen der Gruppe Climate Central mit Blick auf den möglichen Anstieg des Meeresspiegels in den kommenden Jahrzehnten nachdrücklich hin.

Demnach könnte es für die Region um Dunwich (gerade nördlich davon), aber auch für weite andere Teile der britischen Hauptinsel bereits zur Mitte dieses Jahrhunderts richtig eng werden mit dem Wasserstand. Die folgende Bildergalerie stellt die neuen Erkenntnisse maßstabsgetreu dar.

Und richtig verstanden: rot heißt weg bis 2050, falls sich klimatisch nicht bald was machen lässt. Hoffen wir also, dass das kleine Dunwich nur die mittelalterliche Ausnahme von der Regel bleibt. Und nicht deren vorweggenommene Bestätigung.

Slide #1 England: Peterborough und Cambridge auf dem Weg zum Seebad. Slide #1 England: Hull war einmal - und von York sind es nur noch ein paar Meilen bis zum Strand. Slide #1 England: Auch im Großraum London und in Teilen der Südküste wird sich einiges ändern. Slide #1 England: Rund um Blackpool und Liverpool drohen ebenfalls meilenweite Landverluste. Slide #1 England/Wales: Der Bristol Channel dürfte deutlich breiter werden. Slide #1 Schottland: Die Westküste der Äußeren Hebriden ist bedroht. Slide #1 Schottland: Glasgow bräuchte einen neuen Flughafen, schreibt der Herald Scotland. Klimawandel Meeresspiegel Großbritannien Slide #1 Nordirland: Hier scheint es vergleichsweise glimpflich zu sein, aber die Hauptstadt Belfast... Slide #1 England: Links wie rechts droht Landverlust. Middlesbrough hat ein Problem. Slide #1 Schottland: Gebietsweise werden die Küstenstreifen rund um Inverness betroffen sein. Slide #1 Installation "Infinity Wells" (Ort: Nähe Kulturhuset). Slide #1 Installation "Infinity Wells" (Ort: Nähe Kulturhuset).

(Quelle: climatecentral.org)

Hier noch ein Link zur Karte von Climate Central, die auch aus deutscher und erst recht niederländischer/belgischer Perspektive wenig Freude macht: Land, das im Jahr 2050 voraussichtlich unter dem jährlichen Hochwasserpegel liegen wird.

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sh

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