Die stilsicherere Alternative zur 7/8 Shorts

Was hat der Schotte unterm Kilt?

| 24.08.2017 - 12:15 Uhr

Es ist schwer, über etwas anderes zu reden als über schöne Landschaften, Whisky, Bier und frittierte Mars-Riegel, wenn es um Schottland geht. Die machen einfach zu viel Spaß. Aber heute habt Ihr Glück, ich schüttel mir etwas aus dem Kilt. Leider keinen bärtigen „Freedom!“ schreienden Highlander, aber immerhin ein heißes und doch luftiges Thema.

Schotte im Kilt

Ein Schotte hat sich für uns in Schale geschmissen. Wir wollten nur den Kilt, er brachte die Schwerter mit. Danke, Robin!

Der Kilt

Eigentlich müssten jetzt dunkle Wolken aufziehen, die von einem mächtigen Donnergrollen, oder düsteren Dudelsackklängen begleitet werden, um den Ernst und die Sexyness dieses Themas zu betonen.

Der Kilt – kein Stofffetzen dieser Erde verbreitet so viele gerötete Wangen und Wonne wie diese männlich, luftige und weitaus stilsicherere Alternative zur 7/8 Shorts.

Diese Story verlangt viel von mir ab, konzentriert zu bleiben ist gar nicht so leicht, aber ich bin professionell und werde stramme, haarige, wohlgeformte Männerwaden in kratzigen Schafswollsocken nicht in die Quere von knallharten Fakten kommen lassen. Erster Fakt: Kilts tragen nur Männer. Ausschließlich. … und Schulkinder als Uniform, geschmacklose Touristen und, in manch tragischen Fällen, auch Hunde.

Der Kilt war/ist ein ca. 8m langer, dicker Stoff aus Baumwolle, der schon mit den ersten Schotten existierte. Anfangs wurde er aus der rohen Schafswolle gewebt. Er galt bei Wanderungen als Zelt, als wärmende Decke und eben als Schutz vor Wind und Wetter. Er wurde um die Hüften und um die linke Schulter gewickelt und mit einer englischen Rippe festgemacht. – Quatsch, eher eine sehr dicke ca. 15cm große Nadel, die auch dazu diente, die Augäpfel von Engländern zu rösten. Das ist aber nur eine Vermutung.

Mittlerweile ist der Kilt schon vorgewickelt und wird mit einer unsichtbaren Gürtelschnalle, die unter dem dicken Stoff verborgen ist, zugemacht. Ich selber habe noch nie einen Kilt zugemacht aber aufmachen geht überraschend schnell.

Ein Kilt wiegt um die 5kg, was essenziell ist, denn Schottland hat ja Wind und Wetter, und niemand will einen schottischen Marilyn McMonroe erleben. Nicht mal ich. Solche Überraschungen braucht niemand.

Um den gewickelten Stoff noch mehr an seinem Platz zu halten, hängt vor der ganzen Männlichkeit ein Turnbeutel, aus Leder und hübschen Verzierungen. Darin kann Mann packen, was Mann möchte; einen männlichen Lippenpflegebalm, Schnupftabak, Flachmann, alles ist möglich für den praktischen und männlichen „Sporran“. So heißt sie nämlich, die männlichste Tasche aller Zeiten.

Jetzt höre ich euch empört ausrufen, „Und wo kommen die Waffen hin?“, und ich sage euch empört, „In die Socke oder in meine Hände!“.

Das Messer, der ‚Sgian dubh‘, wird in die rechte Socke gesteckt. Denn jeder schottische Mann braucht ein Messer bevor er auf den Hochzeitsempfang seiner Cousine oder zum Schulabschluss geht.

Vielleicht ist euch aufgefallen, dass der Kilt unterschiedlich gemustert und gefärbt ist. Das ist der Tartan.

Jeder Clan (Sippschaftsverband) hat sein eigenes Karomuster. Das ist natürlich eine sehr charmante Art, die Familie immer wieder erkennen zu können. Heute ebenso wichtig wie früher. Vor allem auf der Hochzeit der Cousine.

Ja, und? Was glaubt Ihr? Was trägt der Schotte unter dem Kilt? An guten Tagen Lippenstift? Nein, nein.

Damals, als die männlichsten aller Männer in ihren gewickelten Decken in die Schlacht zogen, hinderte sie das schwere Material daran, vernünftig zu kämpfen. Es verfing sich in englischen Schwertern und Degen.

Alles war durcheinander und ein Gefriemel und ein Gefummel mit all dem Stoff und so zog man also blank in die Schlachten, was natürlich den Drang nach Freiheit adäquat unterstrich.

Das und nur das ist die Antwort, warum Schotten keine Unterhosen unter ihrem Kilt tragen. Quasi ein Nacktheits-Gedächtnis, eingedenk der verlorenen Seelen, die ihr Land bis aufs Fleisch verteidigten.

Diese wesenhafte Nacktheit ist im Laufe der Jahrhunderte flöten gegangen. Mittlerweile trägt der Brite selbst in der Sauna eine Badehose. Ich finde, wir sollten Margaret Thatcher dafür verantwortlich machen, aber ohne politisch zu werden.

Der Kilt ist das traditionelle Gewand und ist, wie in allen schönen Ländern der Welt mit eigener Tracht, ein Wahrzeichen und wird mit Stolz getragen.

Sicherlich könnt Ihr euch auch einen Kilt für 29,99£ kaufen und damit auf dem Karneval rumstreunern wie ein mieser Clown, aber Ihr landet dann in der Trachten-Hölle, wo Ihr die Füße von den Clan-Vätern abhobelt. Immerhin ein bisschen besser als den bayerischen Urvätern den Schnupftabak in die Nase zu blasen, weil du für 35,99€ eine Lederhose aus Papier gekauft hast.

Be true, stay real und lasst die Tracht denen, die sie mit Würde und Stolz tragen, weil die Trachten Geschichten voller Würde und Stolz tragen.

Alles über den Kilt und andere lustige Geschichten könnt Ihr in „What’s under the Kilt?“ von Robin Mitchell* – The Cadies and Witchery Tours nachlesen.

Nicola

Über die Autorin
Nicola, aufgewachsen in Edinburgh und München, studierte Schottische Geschichte und arbeitete bei The Witchery Tours als offizielle Geschichtenerzählerin und Erschreckerin (als erste und einzige Frau), wo sie viele Touristen in Angst und schreckliches Vergnügen versetzte.

Ihre Familie ist weiterhin in Edinburgh und erschrickt sich nicht mehr.

*Geprüfte Kaufempfehlung mit provisioniertem Partnerlink.

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