Von der Liebe und anderen Sehenswürdigkeiten

Schottland, erster Teil oder auch Scotland the brave!

| 15.05.2017 - 17:01 Uhr

Horch, wenn die Nacht hereingebrochen ist
Höre! Höre die Dudelsäcke rufen,
laut und voller Stolz schallend,
die Täler hinunter.
Dort, wo die Hügel schlafend ruh’n,
Nun fühle wie das Blut gar springet,
So hoch wie die Geister
der alten Hochlandmänner.

Das wäre dann die erste Strophe des Fußballhymnenklassikers ‚Scotland the brave‘ und auch, wenn es nur eine Fußballhymne ist, ist es für viele Schotten eine Lebensform. Ein roter Faden, dem man folgt und hinter dem man mit vollstem Herzen steht.

Ohne politisch zu werden, ist der Schotte an sich ein sehr stolzer Mann/Frau. Ein Stolz, der sich auf die letzten 700 Jahre auf grausame aber doch auch romantische Art und Weise aufgebaut hat. Mindestens 700 Jahre. Man sieht sie förmlich, die mutigen, tapferen Hochlandmänner wie sie im strömenden Regen durch das Hochland wandern, um ihr nächstes Ziel, ihr Land und ihren Stolz, zu verteidigen.

Hügel am Loch Lomond

Hügel am Loch Lomond


Im April 1746 marschierten sie das letzte mal in die Nähe von Inverness, um ihr Land, ihre Traditionen und ihre Liebe, gegen die Engländer zu verteidigen und zu schützen, und, wie so oft, versagten sie. Sie marschierten zur Schlacht, sie präparierten das Schlachtfeld tage- und nächtelang und waren dann zu erschöpft, um in ihrer Unterzahl auch nur ansatzweise ein gutes Ergebnis zu erzielen, sie taten alles, damit ihres, ihres bleibt. Ein gutes Recht.

Doch so stark wie ihr Land, welches so rau und so gnadenlos ist, waren die sympathischen Underdogs einfach nicht, und somit mussten sie sich damit rumplagen, Engländern Ländereien zu überlassen und ihnen eine Nacht mit ihren Frauen zu gewähren. Auch hier, ohne groß politisch zu werden, ist es vielleicht sogar verständlich, warum der Schotte sein Land so liebt. Weil er geprügelt wurde. Weil er ihre Schönheit immer in Demut genießen musste. Weil die Schöhneit und die Liebe zu diesem Land immer geteilt werden musste mit Ereignissen, die so hässlich und so voller Hass waren. Es ist kein Wunder, dass der Schotte sich diesen einen Sieg wünscht. Dass diese wunderschöne Blume, die Distel – Landesblume – in seiner romantischen und patriotischen Liebe aufblühen möge. Dass diese Distel aufhört zu stechen und der Groll um das „Schottisch sein“, ohne Dornen bestehen kann.

 Distel, schottische Nationalblume

Die Distel, schottische Nationalblume. (Foto Igor Tudoran)


Aber wir dürfen hier nicht zu politisch werden, jedoch sollte jedem Besucher klar sein, dass ein Schotte sein Land liebt und er Ihnen das in jeder Art von Konversation mitteilen wird. Sei es ein Small-Talk über Wetter, der Schotte wird dir mitteilen, dass es nirgends in so vielen Variationen regnen kann wie in Schottland. Voller Stolz und Liebe wird er dir mitteilen, dass es nicht nur von oben nach unten regnet, sondern auch von unten nach oben und von links nach rechts und andersherum auch und überhaupt regnet es in Schottland jeden Tag mit voller Inbrunst und Leidenschaft. Und wenn wir ganz ehrlich sind, ist Wetter niemals nur Small-Talk, sondern das angesagteste Thema seit 700 Jahren. Mindestens 700 Jahren.

Schottland, ein Land, das ab 24 Grad von Hitzewelle spricht und Nestles Mars Riegel frittiert. Wahrscheinlich das Beste, was man mit einem Produkt von Nestle machen kann, aber wir wollen hier nicht politisch werden. Wissen Sie, man hat einfach nicht gelebt, wenn man nicht nach 17 Lagern im Regen, der von oben und von unten kommt, in high-heels und kaputter Strumpfhose vor ner Frittierbude gestanden und sich die folgende Frage gestellt hat: „Lass ich mir die Pizza frittieren oder den Schokoriegel?“ Alles ist möglich in so einer Frittierstation. Sie können sich das Würstchen panieren und frittieren lassen und sich dann den goldenen Schuss mit einem panierten und frittierten Shokoriegel verpassen.

Blick von von Edinburgh nach Kirkcaldy

Das ist Georgie. Sie blickt von Edinburgh nach Kirkcaldy über The Firth of forth (Meer-Abschnitt).


Von Klasse oder Politik ist hier nicht die Rede. Wir bleiben beim Wesentlichen. Schottland. Und alles, was Sie von mir darüber zu lesen bekommen, muss ausschließlich mit einem Lächeln gelesen werden, denn sonst verstehen Sie den Ansatz von Schottland und seinen Schotten nicht.

Der Schotte lacht am liebsten über sich selbst. Der Schotte, bzw. vielleicht sogar die Briten generell, können am besten über sich selbst lachen. Vielleicht liegt es daran, dass sie sich selber am meisten lieben. Ich denke, manchmal finden sie sich so toll, dass sie die Albernheit darin erkannt haben, um sich dann darüber lustig machen zu können. Wer weiß es schon, aber der Schotte hat eine wunderbare Selbstironie. Eine sehr gesunde Selbstironie die unweigerlich dazu führt sich in jeden Schotten zu verlieben.

Und da wären wir wieder, die Liebe. Liebe ist ein großer Faktor in Schottland. Sei es die Liebe dazu, der einzige Mensch auf einem Hügel zu sein, der auf die glorreiche Farbpalette von Violett-, Grün- und Gelbtönen der kantigen und doch lieblichen Landschaft blickt, oder die Liebe dafür, wie dich das Wetter in einer ganz anderen Art und Weise deinen Körper spüren lässt. Wie der Wind dein Gesicht peitscht, um dich dann wiederum mit dem Duft von durchnässten Gräsern und Meerwasser zärtlich zu küssen.

Alles, was in Schottland wahrgenommen werden kann, sollte mit Leidenschaft wahrgenommen werden, denn so tickt das Land und seine Menschen. Und das, obwohl 98% der Bevölkerung in Gummistiefeln rumläuft. So abgebrüht muss man erstmal sein.

Nicola

Lesen Sie bald an dieser Stelle den zweiten Teil des etwas anderen Reiseberichts aus Schottland. Und bringen Sie Ihr Fahrrad mit.

Über die Autorin
Nicola, aufgewachsen in Edinburgh und München, studierte Schottische Geschichte und arbeitete bei The Witchery Tours als offizielle Geschichtenerzählerin und Erschreckerin (als erste und einzige Frau), wo sie viele Touristen in Angst und schreckliches Vergnügen versetzte.

Ihre Familie ist weiterhin in Edinburgh und erschrickt sich nicht mehr.

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