Reisebericht aus dem Untergrund

Alle lieben Edinburgh vs. Hello Düsternis, my old friend

| 2.06.2017 - 13:02 Uhr

Es ist so, alle lieben Edinburgh. Alle. Ausnahmslos jeder, der nach Edinburgh kommt, verliebt sich in irgendeine Kleinigkeit von dem großen, glänzenden Düsteren dieser Stadt.

Man nimmt ja auch alles in Kauf. Man weiß ja nicht so genau, was einen da erwartet, in dieser so standfesten, jedoch mysteriösen Stadt mit ihren standfesten, doch mysteriösen Einwohnern.
Der andere Reisebericht aus Edinurgh
Eine Stadt, die dir ihr Herz öffnet … wenn du es zulässt. Eine Stadt, die dich verzaubert und schaudern lässt. Eine Stadt, die dich so betrunken machen kann, wie es dir noch nie widerfahren ist. Letztlich wurde Trainspotting dort gedreht und das kommt ja auch nicht von ungefähr.

Edinburgh, du alte Fischgräte

Edinburghs Altstadt kann man sich aus der Vogelperspektive wie ein Fischskelett vorstellen. Der Kopf die berühmte und atemberaubende Burg auf ihrem Lavagestein gebettet und die Wirbelsäule die Straße die von der Burg runter zum Palast führt. „The Royal Mile“ – die königliche Meile.

Auf der Edinburgh, Old Town

Auf der Edinburgh, Old Town

Torbogen

Düstere Burg, Zeugin düsterer Zeiten.

Die Rippen wären die Gassen links und rechts (nicht unbedingt akkurat gegenüber voneinander) von der Royal Mile. „The old Town“. Abgesehen von dem unausweichlichen „Kilts and Schrott Gift Shops“ für Touristen mit ausgebreiteten schottischen Bedürfnissen, ist es ein Ort, wenn man es zulässt, der dir Gänsehaut bereitet. Aus Freud oder auch aus Leid.

To Castlehill Victoria Street  Richtung Grasmarket

Wir gehen an einer anderen Stelle auf die Pubs und die Restaurants ein. Das High-Life und das Low-Life, „The new Town“ kommt sicherlich vor und der berüchtigte Hafenbezirk Leith auch.

Blick über Edinburgh vom Castlehill

Blick über Edinburgh vom Castlehill.


Aber heute möchte ich über Edinburgh erzählen, eben über das „Burgh“ – die Burg und sein Skelett. Wisst Ihr, jedem sein Gusto usw., aber was ich am schönsten finde, an diesem Platz, wo unzählige Eroberungen und Rück-Eroberungen stattfanden, und einst einem die Kanonenkugeln um die Ohren fetzten, dass es nur so bumste und krachte, ist ein kleiner Brunnen. Also Mini. Richtig unauffällig. „The Witches Well“.

The Witches Well – Über die Hexen von Edinburgh

Eine Plakette an einer Mauer, an der links eine „wie-man-sich-eine-Hexe-so-vorstellt“ Frau abgebildet ist und rechts eine „ aww … ich-wünschte-sie-wäre-meine-mutter“ Frau. Ich drücke mich hier sehr vage aus, denn ich möchte so gut es geht politically immer correct bleiben (Boo! Scheiß Engländer!).

Beide Frauen werden von einer Schlange umschlungen und der Kopf der Schlange ist der Wasserhahn, der das Wasser in ein schön verziertes Becken ablassen soll.

Ich weiß gar nicht, ob der Brunnen jemals lief, aber das war sein Zweck. Trinkwasserspender. Das Becken ist meist mit Blumen bestückt. Irgendjemand muss es sich wohl zur Aufgabe gemacht haben, diesen Ort zu pflegen.

Dieser Brunnen steht für all die Frauen, die auf grausame Art und Weise wegen Hexenwerk umgebracht worden sind. Hexenwerk, Schmexenwerk, papperlapapp …

Wasserprobe mit Ruth Osborne

Die angebliche Hexe Ruth Osborne wird der Wasserprobe unterzogen (Quelle wikimedia.org)


Frauen wurden als Hexe tituliert, wenn sie besonders schön waren. Frauen wurden auch als Hexe tituliert, wenn sie besonders hässlich waren, oder eine zu große Nase hatten, oder eine zu laute Stimme.

Es gab unzählige Hexen in Edinburgh, und viele ließen ihr Leben im Feuer. Oder mit ihren Daumen an ihre Zehen angebunden am Grund des „Nor Loch“, ein See, der einst an dem Vulkangestein angrenzte (zwischen New Town und Old Town).

Tauchte eine Hexe wieder auf, war sie offensichtlich keine Hexe und bekam eine christliche Bestattung. Das Leben als Hexe war ein hartes Los, ich sag’s euch.

„This Fountain, designed by John Duncan, R.S.A. is near the site on which many witches were burned at the stake. The wicked head and serene head signify that some used their exceptional knowledge for evil purposes while others were misunderstood and wished their kind nothing but good. The serpent has the dual significance of evil and wisdom. The Foxglove spray further emphasises the dual purpose of many common objects.“

Und genau diese kleinen geheimnisvollen und doch tragischen Kleinigkeiten sind die Essenz von Edinburgh. Es gibt sie an jeder Ecke. In jeder Gasse und bestimmt in jedem 37. Pflasterstein.
Düsteres Edinburgh
Es gibt sogar Pflastersteine, die dir symbolisieren, wo jemand vom Hals bis zum Bauch aufgeschlitzt wurde und zum Verbluten aufgehängt, dem Publikum als Matinee dargeboten wurde.

Hatte ja auch alles einen gewissen Entertainmentfaktor, wenn man im 17. Jahrhundert gelebt hat. Der berühmte Galgen von Grasmarket. Der Grasmarket, ein romantisches und charmantes Fleckchen mit vielen kleinen Teeshops und Pubs links, etwas abseits vom Schloss, wie eine Arena für das Spektakel.

Dieses diesige Gefühl von Ungewissheit begleitet dich durch Edinburgh und verschafft dir auch gleich eine andere Wahrnehmung der Stadt.

Es hat alles seine Stille um sich, aber die kann im Kopf ganz schön laut werden, vor allem, wenn man sich traut, in den Untergrund zu steigen.
Mondnacht in Edinburgh
Fangen wir oben an: Edinburgh hatte schon im 17. Jahrhundert Hochhäuser. Weil man auf dem Vulkangrund nicht in die Weite bauen konnte, baute man nach oben.

Wie eh und je, die Reichen waren oben, die Armen unten und all der Mock und all der Rotz von Oben wurde auch nach unten katapultiert. Und damit die Krankheiten. Die Pest.

Das alles nahm überhand. Die Leichen wurden etwas außerhalb in einem Massengrab verscharrt, welches mittlerweile ein äußerst charmanter kleiner Park ist, mit einem unauffälligen Hügel in der Mitte. Irgendwann haben sie einfach die unteren Etagen zugeschüttet. Zack – Problem gelöst. Egal, wer da noch war, nicht da war, was da war – es wurde einfach zugeschüttet.

Gewölbe im Untergrund von Edinburgh

Gewölbe im Untergrund von Edinburgh (Quelle wikimedia.org)


Mittlerweile kannst du diese kleinen Gassen und Räume und Tunnel besuchen. Ich persönlich kann da nicht mehr runter, es sind tragische Orte. In manchen Räumen und Gassen fühlst du dich ruhig, und in anderen Räumen sinkt die Temperatur dramatisch ab und dein Herz pumpt fest wie ein Dudelsack. Es ist wirklich was für Mutige mit Demut. Aufmüpfigkeit hat keine Chance da unten.

Die Geschichte von William Burke und William Hare

Um dir einen kleinen Appetizer anzubieten, schneide ich kurz die Geschichte von William Burke und William Hare an. Du kennst sie vielleicht.
William Burke Museum - World's Smallest
Die zwei tollkühnen Iren, die ihr Glück im Glanz von Edinburgh wagten, und alles versoffen. Sie waren genau zu der Zeit in der Stadt, in der die hochangesehene medizinische Fakultät ihre Hochzeit genoß. Es war jedoch ein hartes Studium der Anatomie, denn die Körper, an denen „studiert“ werden konnte, waren rar.

William Burke, Quelle Wikimedia

William Burke

William Hare, Quelle Wikimedia

William Hare

Ganz schön eklig, an einer vier Wochen alten Leiche rumzudoktern. So musst du dir das vorstellen. Dann wurde „Graverobbing“ erfunden – Grabdiebstahl. Man verdiente sich ein bisschen was mit frisch beigesetzten, wieder ausgegrabenen Körpern.

Burke und Hare machten das auch. Bald wurden sie der Graberei überdrüssig, und so brachten die beiden Menschen um, die nicht sehr vermisst werden würden. Sie verkauften sie an die Hochschule.

Obdachlose, Waisen, Prostituierte, Reisende, die Crème de la Crème der Delinquenten eben. Und Mary Paterson.

Mary Paterson

Mary Paterson


Ein Mädchen, das nach ihrem jahrelangen Aufenthalt in einem „Resozialisierungsprogramm für Mädchen“ a la 17. Jahrhundert, einem frischen Start entgegen sieht und auf diese beiden Taugenichtse reinfällt, steil geht, zu Tode gebracht und verkauft wird.

Aber Mary Paterson wurde auf dem Seziertisch wiedererkannt und die beiden Williams festgenommen. Burke wurde öffentlich gehängt und an der Schule der Anatomie bearbeitet.

Haut des Mörders Ausstellungsstück Etui

Sein Skelett schmückt das Edinburgh University Museum. Ein kleines Etui aus der Haut seines Nackens kannst du im kleinsten Museum der Welt begutachten, es ist das einzige Museum mit nur einem Ausstellungsstück, es befindet sich in der Victoria Street.

The Cadies & Witchery Tours

The Cadies & Witchery Tours, Victoria St


Also, wenn du in deinen frittierten Marsriegel beißt, der Regen dir von unten ins Gesicht peitscht, und du schon 30 Braveheart-Mel-Gibsons gesehen hast, den Duft von Meeresluft und Red Bull in der Nase, sei einfach dankbar.

Dankbar dafür, in einer Stadt zu sein, die dich in ihrer Düsterheit umarmt und dabei immer lächelt. Und Zwinkert. Und dich auf 351 Lagerbier einlädt.

Nicola

Über die Autorin
Nicola, aufgewachsen in Edinburgh und München, studierte Schottische Geschichte und arbeitete bei The Witchery Tours als offizielle Geschichtenerzählerin und Erschreckerin (als erste und einzige Frau), wo sie viele Touristen in Angst und schreckliches Vergnügen versetzte.

Ihre Familie ist weiterhin in Edinburgh und erschrickt sich nicht mehr.

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