Norwegische Ökonomen erforschen soziale Präferenzen in USA und Norwegen

Sind Norweger fairer als US-Amerikaner?

| 23.01.2017 - 21:36 Uhr

Die Unterschiede könnten kaum größer sein, wenn man sich die Einkommensverteilung zwischen Norwegen und den USA anschaut. In Norwegen sind nicht nur die Gehaltsunterschiede innerhalb der Bevölkerungsschichten weniger stark ausgeprägt als in den USA. Auch ist die Vermögensverteilung insgesamt in deutlich homogener.

So verdient das oberste Prozent der Einkommen in den USA 18-19% der erwirtschafteten Gesamteinkünfte. Wohingegen in Norwegen das oberste Prozent nur 5-8% der Gesamteinkünfte des Landes verdient.

Die Ungleichheiten setzen sich noch weiter fort, wenn man sich die staatlichen Sozialsysteme der beiden Länder anschaut. Ob bei der Krankenversicherung, dem Mutterschaftsgeld im ersten Jahr oder andere Sozialleistungen, der norwegische Staat ist in vielen Punkten großzügiger seinen Einwohnern gegenüber. Diese Umverteilung schlägt sich wiederum in höheren Steuerbelastungen der Norweger gegenüber den USA nieder.

Warum es zwischen zwei westlichen Kulturen solch gravierende Unterschiede gibt, ist bereits mehrfach von Ökonomen und Soziologen in der Vergangenheit untersucht worden.

 Norwegian School of Economics

Die Ökonomen Ingvild Almås, Bertil Tungodden und Alexander Cappelen.
(Bildquelle: nhh.no)


Die Ökonomen Ingvild Almås, Alexander Cappelen und Bertil Tungodden haben im November vergangenen Jahres an der Norwegian School of Economics ein Diskussionspapier veröffentlicht, das sich den Unterschieden der beiden Nationen von einer anderen Seite nähert.

In einem Experiment haben die Ökonomen untersucht, ob unterschiedliche Einstellungen in der Bevölkerung ein Grund sein können für die unterschiedlichen Ansätze, wie man eine Gesellschaft organisiert. Die Wissenschaftler fragten, welche Art der Ungleichheit von den Menschen als fair empfunden wurde. Und gibt es Unterschiede darin, wann Fairness wichtiger ist als Effizienz?

Die Idee für das Experiment war, basierend auf anderen Publikationen, dass soziale Vorlieben für mehr oder weniger Staat einen grundlegenden Einfluss auf das individuelle Verhalten haben. Und dieses Verhalten dazu führt, dass die Menschen eher für oder gegen mehr Umverteilung durch den Staat sind.

Sollten Amerikaner Ungleichheiten eher als fair empfinden und ihnen Verluste durch Umverteilung weniger zusagen als Norwegern, könnte dies ein Grund für die bestehenden Unterschiede sein. Das musste nicht der einzige Grund sein. Aber im Ergebnis würde er zumindest erklären, weshalb sich zum Beispiel ein Gesundheitssystem in den USA bis heute nicht im Ansatz so entwickelt hat, wie in den skandinavischen Ländern.

Um einheitliche Ergebnisse zu bekommen, wurden sowohl in den USA als auch in Norwegen Studienteilnehmer rekrutiert, die am Computer ein Spiel spielen sollten. Pro Land gab es dabei zwei Gruppen. Die erste Gruppe waren die Arbeiter, die eine Aufgabe zu erledigen hatten am Rechner und dann eine Belohnung erhalten haben. Die zweite Gruppe, die Zuschauer, durften lediglich entscheiden, ob die Verteilung für sie fair war. Und ob sie die Auszahlung umverteilen wollten oder nicht.

Dabei gab es drei Szenarien, von denen die Zuschauer lediglich jeweils eins zu sehen bekamen.

Im Glücksszenario wurde die Auszahlung an die Spieler gelost und die Umverteilung verursachte keine Kosten.

Im Verdienstszenario wurden die Arbeiter nach ihrer Produktivität bezahlt und eine Umverteilung verursachte ebenfalls keine Kosten.

Im Effizienzszenario hingegen wurde die Bezahlung für die Arbeiter ebenfalls gelost, aber eine Umverteilung kostete Geld. Somit konnte der Zuschauer hier zwar die Bezahlung nach Produktivität wiederherstellen, aber insgesamt war dadurch weniger Geld zum Verteilen da.

Die Ergebnisse, die durch dieses Experiment gewonnen werden konnten, waren erstaunlich. Nicht nur, dass Amerikaner eher dazu neigten, alle Verteilungen als fair anzusehen. Es war auch so, dass die Norweger insgesamt Ungleichheit in der Bezahlung über alle Szenarien unfairer empfanden und eher umverteilten. Die Anteile der Amerikaner und Norweger, die lediglich Bezahlung nach Produktivität als fair empfanden, war jedoch gleich.

Insgesamt konnte man in beiden Ländern feststellen, dass politisch Konservative eher bereit waren, Ungleichheiten als fair zu empfinden. In den USA hingegen konnte man sehen, dass mit zunehmendem Bildungsgrad die Neigung für Bezahlung nach Produktivität anstieg. Wohingegen in Norwegen die Präferenzen dazu in allen Bildungsschichten gleich hoch war.

Darüber hinaus konnte festgestellt werden, dass Männer Ungleichheit eher akzeptierten als Frauen. Der Unterschied zwischen den Geschlechtern war in den USA allerdings stärker ausgeprägt als in Norwegen.

Schaut man sich die Ergebnisse an, so kommen die Ökonomen zu dem Schluss, dass das Fairnessempfinden der Bürger einen Einfluss zu haben scheint auf den Wohlfahrtsstaat. Zwar haben auch Amerikaner im Spiel größtenteils Ungleichheiten auch bei Kosten ausgeglichen, wenn sie durch Glück zustande kamen. Jedoch war die Ablehnung der Norweger gegen Ungleichheit insgesamt größer. Wenngleich sehr wohl der Großteil der Norweger im Spiel bereit war Ungleichheiten aufgrund von Produktivitätsunterschieden zu akzeptieren.

Es scheint also einen Zusammenhang zu geben zwischen den Präferenzen für Fairness und der Höhe an staatlicher Umverteilungen durch soziale Sicherungssysteme. Dabei werden sich künftige Studien vor allem mit der Frage beschäftigen müssen, wie Fairness bewertet wird und was genau als fair und unfair empfunden wird.

Sylke Peters

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