Aus der Reihe „Kleine Geschichte Lettlands“

Wo steht der älteste Weihnachtsbaum der Welt?

| 21.12.2017 - 11:07 Uhr

Die runde Steinplatte auf dem Rigaer Rathausplatz ist einen, vielleicht anderthalb Meter im Durchmesser. Wenn man sie nicht bewusst sucht, sondern nur Augen für das prächtige Schwarzhäupterhaus mit dem Roland davor, das klassizistische Rathaus oder das Okkupationsmuseum aus der Sowjetzeit hat, dann übersieht man diese Steinplatte mit ihrer Inschrift schnell. Außer, es ist Weihnachtszeit. Dann thront auf ihr ein stählernes Denkmal, das nachts beleuchtet wird.

Denkmal Ältester Weihnachtsbaum der Welt

Denkmal für den „Ältesten Weihnachtsbaum“ der Welt. (Foto Dr. Martin Pabst)


Steinplatte wie Skulptur sollen die Menschen daran erinnern, dass hier in Riga der älteste Weihnachtsbaum der Welt gestanden haben soll. Alle Jahre wieder kommen die Medien aus aller Welt und berichten darüber. Ganz besonders im Jahr 2010, als das 500jährige Jubiläum gefeiert wurde. Aber wie kommen die Rigenser überhaupt darauf, dass der erste Weihnachtsbaum bei ihnen gestanden haben soll?

Der lettische Historiker Dr. Gustavs Strenga, Experte für das spätmittelalterliche Riga, kann die Frage eigentlich nicht mehr hören. Die Sache sei die, erklärt er bei einem Kaffee: Es gibt da eine Handschrift aus dem Jahr 1510, in der die Fastnachtsordnung der Rigaer Schwarzhäupter ausführlich festgehalten ist. Und dort steht – ganz am Ende – unter „Des dynxtedages in der vasten“ (Fastnachtsdienstag):

„Item wen de clocke to eynen offte to twen is, so bryngen de Bemerwoldeschen eren bom aff up dat market myt alle deme spele unde vorbernen den bom dar myt vrouwen unde syn dar vrolik wen an den lychten dach; unde dar mede is de vastelavent beslaten.“

Dr. Gustavs Strenga

Historiker Dr. Gustavs Strenga. – Experte für das spätmittelalterlichen Riga. Wurde in London über die „memoria“ im spätmittelalterlichen Livland promoviert, also darüber, wie die Menschen in den Gilden/Ämtern/Bruderschaften ihrer Toten gedachten. Er ist zur Zeit wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Lettischen Nationalbibliothek und einer der Organisatoren der Ausstellung „Luters. Pagrieziens“ (Luther. The Turn). @agnerts
(Foto Gustavs Strenga)


Alles verstanden? Nicht? Das ist nicht schlimm. Denn man muss nicht nur Niederdeutsch können, um diese Passage zu verstehen, sondern vor allem so einiges über das Riga vor 500 Jahren wissen. Wer sind diese Schwarzhäupter? Was ist eine Fastenordnung? Wer sind die Bemerwoldeschen? Und was ist das für ein Baum, den sie da verbrennen?

Die Schwarzhäupter: Das waren Kaufgesellen, junge Männer, welche die Ausbildung zum Hansekaufmann durchliefen und danach als Angestellte tätig waren, bis sie genug Kapital hatten, um sich selbständig zu machen.

Von Frühjahr bis Winteranfang reisten sie im Nord- und Ostseeraum herum, kauften ein und verkauften wieder. Dieses „heute hier, morgen dort“ hatte damals die gleichen Folgen wie heute: Wer nie lange an einem Ort bleibt, der findet kaum dauerhaften Anschluss, hat keine Stammkneipe und tritt auch keinem Verein bei. Wozu auch? Man ist ja nächste Woche schon wieder fort. Für die Menschen des Spätmittelalters war dieser Lebensstil noch viel schwieriger als für uns, fünfhundert Jahre später.

Denn für die Menschen damals war es existentiell, „dazuzugehören“, ihre Gesellschaft war streng gegliedert, und jeder, vom Kaiser bis zum Bettler, hatte seinen Platz. Was heute das Netz aus Kranken-, Renten- und Sozialversicherung ist, das waren damals Familie und Dorfgemeinschaft, bzw. in der Stadt Gilden, Zünfte und Bruderschaften: In ihnen half man sich gegenseitig nicht nur bei weltlichen Problemen, sondern auch hinsichtlich des Seelenheils. Die Angst des mittelalterlichen Menschen vor der Hölle ist heute kaum vorstellbar.

Wer aber wie die Kaufgesellen stets auf Reisen war, der passte kaum in diese Strukturen. Mit den Kompanien der Schwarzen Häupter hatten sie sich – zumindest in Riga, Reval und Pernau – ihre eigene Bruderschaft geschaffen, in der sich die trafen, die gerade in der Stadt waren.

Und wenn für die Dauer des Winters die Seefahrt eingestellt wurde, auch über Wochen und Monate blieben. Kein Wunder also, dass die Weihnachtszeit und der Karneval die wichtigsten Feste für die Schwarzhäupter waren, die mit großen Feiern („Trunke“) begangen wurden.

Weil die Zusammensetzung der Gruppe – zumindest zwischen Ostern und Winterbeginn – andauernd wechselte, war es sinnvoll, aufzuschreiben, wie man beispielsweise gewöhnlich die Feste von Weihnachten bis Karneval feiert. Das haben die Schwarzhäupter mit ihrer Fastnachtsordnung 1510 getan. Was aber auch bedeutet: Dieser Brauch mit dem Baum wird vermutlich schon viel älter sein. Wir haben nur keine älteren Quellen, die davon berichten.

Wer waren diese „Bemerwoldischen“? Menschen aus dem Böhmerwald? Wenn ja, was machen die dann in Riga? Wir wissen es nicht, denn sie tauchen sonst nirgends auf, weder in der Fastenordnung, noch in anderen Texten aus der Zeit.

Und der Baum? Was war das für ein Baum, mit dessen Verbrennung auf dem Marktplatz am Faschingsdienstag der Karneval offiziell endete? Auch hier wissen wir nicht viel. Nur: Ein Weihnachtsbaum, wie wir ihn uns heute vorstellen, war es sicher nicht. Denn der Weihnachtsbaum, den wir heute kennen, ist erst im 19. Jahrhundert entstanden. Die Schwarzhäupter und „Bemerwoldischen“ des Jahres 1510 hätten ihn wie ein Ufo angestarrt.

Warum also steht jeden Winter diese stählerne Skulptur in Riga vor dem Schwarzhäupterhaus? Für Gustavs Strenga ist des Rätsels Lösung ziemlich einfach: „Erst im 20. Jahrhundert hat irgendjemand diesen Baum genommen, aus dem Kontext der Fastnachtsordnung genommen und als Weihnachtsbaum uminterpretiert.“

Aus Sicht der Geschichtswissenschaft hat da jemand einmal einen ganz groben Fehler gemacht. Aber das Stadtmarketing von Riga wäre ja schön blöd, wenn sie diese Geschichte korrigieren würden, statt auszunutzen.

Eine kleine Anmerkung zu den Namen: Die Geschichte Est- und Lettlands bringt es mit sich, dass im Laufe der Jahrhunderte dort Menschen ganz verschiedener Muttersprachen neben- und miteinander lebten. Dies führt – neben der politischen Geschichte – dazu, dass jede Stadt, fast jedes Dorf bis zu kleinen Inseln und Gutshäusern mehrere Namen tragen. Einen deutschen, einen estnischen und einen lettischen, oft auch noch einen schwedischen und einen russischen. Je nachdem, welche Sprache man gerade sprach oder schrieb, benutzt(e) man diesen oder jenen Namen für ein und denselben Ort. Was sich gelegentlich änderte, war die Amtssprache, nicht der Name der Stadt, wie estnischer Historiker zu sagen pflegte.

Dieser Beitrag folgt der Konvention, die von Historikern im Baltikum wie in Deutschland verwendet wird: Für die Zeit vor 1918 wird der deutsche Ortsname verwendet, für die Zeit nach 1918 der estnische/lettische.

Über den Autor
Dr. Martin Pabst studierte Geschichte und Theologie und wurde mit einer Arbeit zur Reformationsgeschichte Rigas promoviert. Er arbeitet als Wissenschaftlicher Leiter zweier Stiftungen sowie freiberuflich als Autor, Studienleiter und Vortragsredner.
dr-martin-pabst.de // twitter.com/Dr_Martin_Pabst

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