Kleine Geschichte Estlands und Lettlands IV

Die Geschichte Livlands: Reformation – und was dann?

| 8.01.2018 - 12:17 Uhr

Livland, das war das Land, wo die Liven wohnen … und die Kuren im Westen, Selonen im Süden und Lettones (Letten) im Osten – aus ihnen allen wurden im Laufe der Zeit die Letten.

Und im Norden, über den Liven, lebten die Esten, die – wie die Liven – eine finno-ugrische Sprache sprechen. Sie alle wurden damals – vor 500 Jahren – als „Undeutsche“ bezeichnet. Warum? Weil diejenigen, die in Livand herrschten, Deutsche waren.

„Deutsch“ und „undeutsch“: Das darf man nicht mit den heutigen Augen lesen. In der damaligen, mittelalterlichen Ständegesellschaft bezeichnete „deutsch“ den freien Menschen nach „deutschem“ Recht. Wenn ein „undeutscher“ Bauernjunge in der Stadt sozial aufstieg, wurde er „deutsch“ – zunächst in seinem Recht, dann aber auch in seiner Sprache und Umgangsformen, weil er sich seinem neuen Umfeld anpasste. So, wie heute der Sohn eines Maurers anfängt, sich anders zu kleiden und anders zu reden als sein Vater, wenn er BWL studiert und Manager wird.

Karte: Livland vor 1200

Livland im Mittelalter (Karte © Dr. Martin Pabst)


Zurück ins mittelalterliche Livland: Die Deutschen herrschten in den Städten als Kaufleute und reiche Handwerker, auf dem Land als adelige Gutsbesitzer. Und über allen herrschten die Bischöfe in ihren Stiften und die Ritterbrüder des Deutschen Ordens unter ihrem Landmeister.

Doch diese Welt fand ihr Ende, als man in Livland von den Ideen Martin Luthers hörte. Denn Luther lehrte nicht nur, dass man allein aus Glaube – und nicht gegen Geld oder gute Werke – in den Himmel kommt. Er erklärte auch, dass es gegen die biblischen Gebote ist, wenn Menschen Mönche und Nonnen werden oder wenn „geistliche Herren“ (also Erzbischöfe, Bischöfe und Äbte) auch „weltlich herrschen“ (also konkrete politische und militärische Macht ausüben).

Kurz: Die gesamte politische Struktur Livlands ist gegen Gottes Willen und Gebote! Doch was sollte denn die Alternative zu dem Althergebrachten sein? Der Hochmeister des Deutschen Ordens hatte es vorgemacht. Er war mitsamt seinem Herrschaftsgebiet 1525 zum evangelischen Glauben übergetreten und als Herzog von Preußen Lehnsmann des polnischen Königs geworden.

Dank der straffen und einheitlichen Organisation des preußischen Ordenslands war das recht einfach möglich gewesen. Aber für das komplizierte Livland schwer nachzuahmen. Denn da hätten (zumindest fast) alle politischen Akteure mitmachen müssen: Die Bischöfe (allen voran der Erzbischof von Riga), der livländische Ordenszweig (der ja weiterexistierte), die Städte und vor allem die Vasallen auf dem Land.

Die Reformation hatte mit dem religiösen Gegensatz zwischen Romtreuen und Evangelischen der verwirrenden Gemengelage der unterschiedlichen politischen und wirtschaftlichen Interessen der genannten Akteure eine zusätzliche Dimension gegeben, die Einigungen in wichtigen Fragen nur umso schwerer machen sollte. Zusätzliche Brisanz bekam die Lage, als 1529 Wilhelm von Brandenburg zum „Koadjutor“ (Stellvertreter und designiertem Nachfolger) des Erzbischofs Thomas Schöning gewählt wurde.

Doch jener war ein erklärter Feind der Reformation und sah sich getäuscht, kaum das offenbar wurde, dass Wilhelm genauso evangelisch gesinnt war, wie sein Bruder, der frischgebackene Bischof von Preußen. Koadjutor Wilhelm wollte die Säkularisierung Livlands, also die Umwandlung in ein weltliches Fürstentum und schaltete sich prompt ein, als die evangelischen Vasallen des Bischofs von Ösel-Wiek sich mit ihrem Herrn überwarfen. Es kam zu unterschiedlichen Bündnissen und 1533 zur „Wiekschen Fehde“, in der vor allem die Insel Ösel durch Raubzüge verwüstet wurde. Wilhelms Pläne waren gescheitert.

Gut zwanzig Jahre später, da war Wilhelm mittlerweile längst selbst Erzbischof, war er es, der sich einen Koadjutor wählen ließ. Und zwar 1555 – entgegen einem Landtagsbeschluss, dass man keinen Fürsten zum Koadjutor wählen solle – Herzog Christoph von Mecklenburg, den Schwager des preußischen Herzogs. Das Ziel war eindeutig: Nicht nur das Erzstift, sondern ganz Livland in ein weltliches Herzogtum umwandeln. Und zwar auf Kosten des Ordens, in dessen Reihen eine Gruppe von Verschwörern um den Landmarschall Jasper von Münster diesen Plan unterstützte.

Doch die Verschwörung flog auf und die Stände erklärten dem Erzbischof die Fehde, besetzten sein Herrschaftsgebiet und nahmen ihn und seinen Koadjutor gefangen. Der Landmarschall aber hatte zum polnischen König fliehen können. Neben der beständig drohenden russischen Invasion schien auch noch ein Krieg mit dem mächtigen Nachbarn im Süden bevorzustehen. Das – den Polen unterlegene – Ordensheer war schon an der Südgrenze aufmarschiert, da verhinderte die Vermittlung des Kaisers die Eskalation.

Nach über fünfzig Jahren des Friedens und einem unglaublichen wirtschaftlichen Aufschwung (denn der Getreideexport nach Westeuropa warf von Jahr zu Jahr höhere Gewinne ab) war Livland so reich wie wohl nie zuvor. Aber politisch und vor allem militärisch war es äußerst instabil, ja geradezu fragil geworden. Dem Deutschen Orden fehlte der Nachwuchs, die Soldaten und ihre Befehlshaber waren ungeübt und oft schlecht ausgerüstet.

Offiziell gehörte Livland irgendwie schon zum Heiligen Römischen Reich, schließlich hatten die Bischöfe ihre weltliche Herrschaft vom Kaiser als Lehen empfangen. Doch das war mehr eine Formsache gewesen. Der Kaiser war sehr weit weg. Und er hatte mit den Türkenkriegen und den Folgen der Reformation im Reich selbst schon genug andere Probleme, als dass er den Livländern Schutz geben konnte.

So lag das Land schwach und zerstritten zwischen seinen großen Nachbarn: Schweden (mit Finnland), Dänemark und Polen-Litauen. Und im Osten hatte Ivan IV., Großfürst von Moskau, die an Livland grenzenden russischen Herrschaften Nowgorod und Pleskau unterworfen, die tatarischen Reiche von Kasan und Astrachan erobert und sich 1547 zum Zaren krönen lassen. Nach vielen Generationen waren nun alle alten russischen Länder wieder unter einem Herrscher vereint.

Es wurde Zeit, über die Verlängerung des Friedensvertrags von 1531 zu verhandeln – denn damals schloss man solche Verträge in der Regel nur befristet. Zar Ivan IV. – bekannt als „Groznij“ („der Schreckliche“) – stellte den Livländern ganz neue Forderungen als zuvor. Bevor die Deutschen gekommen und das Land um Dorpat besiedelt hätten, sei es schon seinen Vorgängern zinspflichtig gewesen. Es sei Zeit, die nie entrichteten Zahlungen der vergangenen Generationen zurückzuzahlen.

Die Livländer zahlten zähneknirschend und verpflichteten sich obendrein, kein Bündnis mit Polen-Litauen zu schließen. Ein Krieg mit Russland war noch einmal verhindert worden.

Eine kleine Anmerkung zu den Namen: Die Geschichte Est- und Lettlands bringt es mit sich, dass im Laufe der Jahrhunderte dort Menschen ganz verschiedener Muttersprachen neben- und miteinander lebten. Dies führt – neben der politischen Geschichte – dazu, dass jede Stadt, fast jedes Dorf bis zu kleinen Inseln und Gutshäusern mehrere Namen tragen. Einen deutschen, einen estnischen und einen lettischen, oft auch noch einen schwedischen und einen russischen. Je nachdem, welche Sprache man gerade sprach oder schrieb, benutzt(e) man diesen oder jenen Namen für ein und denselben Ort. Was sich gelegentlich änderte, war die Amtssprache, nicht der Name der Stadt, wie estnischer Historiker zu sagen pflegte.
Dieser Beitrag folgt der Konvention, die von Historikern im Baltikum wie in Deutschland verwendet wird: Für die Zeit vor 1918 wird der deutsche Ortsname verwendet, für die Zeit nach 1918 der estnische/lettische.

Text und Karte von Dr. Martin Pabst

Über den Autor
Dr. Martin Pabst studierte Geschichte und Theologie und wurde mit einer Arbeit zur Reformationsgeschichte Rigas promoviert. Er arbeitet als Wissenschaftlicher Leiter zweier Stiftungen sowie freiberuflich als Autor, Studienleiter und Vortragsredner.
dr-martin-pabst.de // twitter.com/Dr_Martin_Pabst

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