Gregorianische Choräle aus Riga

Der echte Klang mittelalterlicher Mönche

| 14.03.2018 - 10:54 Uhr

Gregorianischer Gesang scheint wieder populär zu sein – oder eher das, was findige Musikmanager uns als „Gregorianisch“ verkaufen wollen. Denn wenn heute Sänger in pseudomittelalterlichen Mönchskutten a capella Popsongs singen, hat es nicht mehr viel mit dem zu tun, was echte Gregorianik ist und ausmacht.

Gregorianischer Gesang von Schola Cantorum Riga

Das Ensembles „Schola Cantorum Riga“. In der Mitte, Guntars Prānis, künstlerischer Leiter. (Foto Schola Cantorum Riga)


Vor gut 1.200 Jahren entwickelten Mönche im fränkischen Reich eine neue Form, die Texte der Messe und ihrer Stundengebete zu singen. Wenige Generationen später entwickelten sie mit den Neumen eine Form, ihren Gesang aufzuschreiben. Durch viele unterschiedliche Handschriften aus den folgenden Jahrhunderten können Musikhistoriker heute nicht nur rekonstruieren, wie damals gesungen wurde. Auch die unterschiedlichen regionalen Traditionen werden sichtbar.

Eine dieser Handschriften ist das Rigaer Missale aus dem späten 15. Jahrhundert mit seinen fünf Gesängen des Propriums der Messe und 83 weitere Fragmenten.

Einer der Wissenschaftler ist Guntars Prānis, der Direktor der Jāzepa Vītola Latvijas Mūzikas akadēmijas. Er hat nicht nur mit seiner Dissertation ein grundlegendes Werk über das Rigaer Missale vorgelegt. Als Musikdirektor des Doms und künstlerischer Leiter des Ensembles „Schola Cantorum Riga“ bringt er die älteste musikalische Quelle Lettlands zum Erklingen. In Riga selbst und auch weit über Lettlands Grenzen hinaus.

Hörprobe des Chorals „Psallat ecclesia mater (Sequentia)“


Mit der CD „Domus Mea“ gibt es nun ein Stück Rigaer Missale in der originalen Akustik für zuhause. Denn die Schola Cantorum hat das Proprium und weitere Gesänge des Rigaer Missale nicht in einem Tonstudio eingesungen, sondern im Rigaer Dom. Unterstützt durch den Mädchenchor des Doms „Tiara“ und ergänzt um einige gregorianische Gesänge nehmen die Sänger um Prānis uns mit in das spätmittelalterliche Riga. Man muss nur die CD anmachen, sich aufs Sofa setzen und die Augen schließen.

Hörprobe des Chorals „Sanctus cum tropo“


Schola Cantorum Riga – Domus Mea
Riga 2016, 18 Titel, Gesamtspielzeit 73 min.

Diese Rezension erschien zuerst in den „Mitteilungen aus baltischem Leben (MBL)“ 1/2018, Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion. Die MBL sind die vierteljährlich erscheinende Zeitschrift der Deutsch-Baltischen Gesellschaft.

Text von Dr. Martin Pabst

Über den Autor
Dr. Martin Pabst studierte Geschichte und Theologie und wurde mit einer Arbeit zur Reformationsgeschichte Rigas promoviert. Er arbeitet als Wissenschaftlicher Leiter zweier Stiftungen sowie freiberuflich als Autor, Studienleiter und Vortragsredner.
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