100 Jahre Finnland

Wir sind keine Schweden, Russen wollen wir nicht werden – lasst uns also Finnen sein!

| 4.12.2017 - 13:15 Uhr

Das war das Motto, als Finnland begann, eine eigene Identität zu entwickeln – frei nach dem Philosophen J. V. Snellman.

Typisch finnisches Winterbild

Typisch finnisches Winterbild.


600 Jahre stand das Land im hohen Norden unter schwedischer Herrschaft, danach gut 100 Jahre unter der russischen Knute des Zaren. Wobei man einschränkend dazu sagen muss: Als autonomes Großfürstentum Russlands genoss das damalige Finnland weitgehende Selbstbestimmungsrechte. Dieser Umstand machte es erst möglich, dass wichtige Persönlichkeiten des Landes anfingen, sich darüber Gedanken zu machen, was denn das Finnische, was Finnland wirklich ausmacht.

Vor allem Künstler arbeiteten an der Idee der Identität Finnlands. Das zeigt sich besonders eindrücklich an der Weltausstellung 1900 in Paris, wo sich Finnland erstmals vorstellen durfte. Das Ergebnis war ein in Kirchenform gehaltener Pavillonbau, ein Gesamtkunstwerk, das als Höhepunkt finnischen Jugendstils gilt.

Bildhauers Hand

„Bildhauers Hand“, Skulptur von Wäinö Aaltonen, 1960


Der Künstler Axel Gallén, der sich auch namentlich „finnisierte“ und von 1907 an Akseli Gallen-Kallela nannte, verzierte den Pavillon mit Motiven aus dem finnischen Epos „Kalevala“, einer Liedersammlung, die in Finnland jedes Kind kennt. Gallen-Kallela kreierte so das erste Mal eine national verbindliche Bildersprache. Auch andere Künstler wie Ville Vallgren, Eero Järnefeldt, Albert Edelfelt und I.K. Inha trugen zur „Wiedergeburt“ der finnischen Kunst bei. So prägten sie auch die finnische Form des Jugendstils, die Nationalromantik, und trugen viel zur die Idee einer eigenen finnischen Identität bei.

Sie glaubten an das Unmögliche. „Dream hard, dream strong, dream more“. Bei Ausbruch der russischen Oktoberrevolution ergab sich dann die historisch einmalige Chance, sich ein für alle Mal vom russischen Reich abzukoppeln. Und so erklärte Senatspräsident Pehr Evind Svinhufvud Finnland am 6. Dezember 1917 für unabhängig. Heute ist dieser Tag der Nationalfeiertag oder wie die Finnen sagen: Itsenäisyyspäivä – Unabhängigkeitstag.

100 Jahre Finnland – zwei Tage Beflaggung

Finnische Flagge
Am Morgen dieses Unabhängigkeitstages wird die finnische Flagge feierlich auf dem Hügel Tähtitorninmäki in Helsinki gehisst, wo sich das Observatorium der Universität Helsinki befindet. In ganz Finnland ist dieser Tag offizieller Flaggentag. Sowohl an Schulen und öffentlichen Gebäuden als auch vor privaten Wohnhäusern wird geflaggt. Die Beflaggungszeit ist normalerweise zwischen 8 und 20 Uhr. Dieses Jahr wird eine Ausnahme gemacht: da werden die Flaggen zwei Tage lang gehisst.

Zur guten Tradition gehört, an diesem Tag blaue und weiße Kerzen anzuzünden. Viele stellen sie um 18 Uhr in die Fenster. Jedes Jahr findet eine Militärparade statt und den Höhepunkt bildet der offizielle Empfang des Präsidenten. Kollektiv sitzt das ganze Land vor dem Fernseher und verfolgt die Live-Übertragung.

Auf den Straßen ist es ungefähr so ausgestorben wie deutsche Straßen während der Fußballweltmeisterschaft, wenn die eigene Nationalmannschaft spielt.

Live-Übertragung des Empfangs beim Präsidenten – Zeit zum Tratschen

Der Präsident steht neben seiner Frau und schüttelt Hände. Bis zu 2.000 wichtige Persönlichkeiten stehen brav Schlange, flanieren über den roten Teppich und wünschen dem Präsidenten „Hyvää Itsenäisyyspäivää“, fröhlichen Unabhängigkeitstag. Politiker, Botschafter, NGOs, Schauspieler, Kriegsveteranen, Sänger, Sportler, Offiziere, Wissenschaftler, alles was Rang und Namen hat oder sich verdient gemacht hat durch besonderes ehrenamtliches Engagement oder andere herausragende Fähigkeiten. Stundenlang.

Auf den Sofas in finnischen Wohnzimmern wird derweil der neueste Tratsch ausgetauscht und trefflich über Kleider und Frisuren diskutiert. Die Kommentare folgen zeitgleich auf Facebook & Co.

Anschließend gibt es einen großen Ball und die obligatorische Aftershowparty. Zum Pflichtprogramm gehört außerdem der Film „Der unbekannte Soldat“ von 1954. Ein grausliches Kriegsdrama.

Spätabends folgt ein großes Feuerwerk in Helsinki, das ebenfalls live im Fernsehen übertragen wird.

Der finnische Stolz auf die Nation

Aus deutscher Sicht mag manche dieser Traditionen sehr patriotisch wirken. Würde das 1:1 in Deutschland stattfinden, wäre man sehr schnell in der ganz rechten Ecke. Und das ist vielleicht auch das größte Missverständnis zwischen Finnen und Deutschen. Die Finnen sind ohne schlechtes Gewissen stolz auf ihr Land und ihre Geschichte.

Gemeinsam feiern

Die hundertjährige Unabhängigkeit wird nicht nur in Finnland gefeiert, sondern auf allen Kontinenten in mehr als 100 Ländern. Über 5.000 Veranstaltungen fanden oder finden in diesem Jubiläumsjahr statt. Das Motto: Gemeinsam. In Rom, zum Beispiel, wird das Kolosseum morgen in blau-weißen Farben erstrahlen.

Das hundertjährige Finnland blickt auf eine außergewöhnliche Geschichte zurück, die durch Werte geprägt worden ist, die den Finnen besonders wichtig sind: Demokratie, Bildung, Gleichheit und Meinungsfreiheit. Einhundert Jahre haben die Bürger Finnlands hohe Anstrengungen auf sich genommen, um ihr Land aufzubauen und gemeinsam Entscheidungen zu treffen. 100 ununterbrochene Jahre der Demokratie sind etwas Besonderes, und Finnland hat in diversen internationalen Rankings oft Spitzenplätze erreicht.

Die finnische Botschafterin in Deutschland Ritva Koukku-Ronde betont: „Wir sind ein reiches Land, auch wenn wir nur 0,07 Prozent der Weltbevölkerung stellen. Trotzdem steht Finnland in vielen Bereichen an der Spitze. Bei Gleichheit, Gleichstellung, Kreativität, Innovation, Pressefreiheit, Gesellschaftsentwicklung und Bildungssystem gehören wir zu den Besten der Welt.“

„Die Geschichte des 100-jährigen Finnlands ist einzigartig und verdient, gebührend gefeiert zu werden. 100 Jahre staatliche Unabhängigkeit stellen das bedeutendste Jubiläum unserer Generation dar. Dieses unvergleichliche Jahr ist gemeinsam mit den finnischen Bürgern und Freunden Finnlands auf einzigartige Weise in mehr als 100 Ländern gestaltet worden“, so Generalsekretär Pekka Timonen, der in der Staatskanzlei für das hundertjährige Jubiläum der finnischen Unabhängigkeit zuständig ist.

Und das tun sie ausgiebig. Seit Tagen finden diverse Veranstaltungen im ganzen Land statt: etwa die landesweite blau-weiße Kaffeepause, zu der Firmen, Institutionen und Behörden aufgerufen wurden. Damit feiern sie ihre Lieblingsbeschäftigungen. Schließlich sind Finnen die größten Kaffeeekonsumenten der Welt.

Der Dom zu Helsinki

Der Dom zu Helsinki.


Aber auch andere bewundernswerte Aktionen wie die des finnischen Gehörlosenverbandes: Er lud auf die Stufen des Doms ein, die erste Strophe der Nationalhymne in Gebärdensprache zu lernen. Oder das landesweite Karaoke-Singen. Dafür hat man einen alten Gassenhauer gewählt, den wohl jedes Kind in Finnland kennt: sininen ja valkoinen. Blau und weiß. Wie die Fahne. Wie Himmel und Wolken. Wie Schnee und Himmel. Finnisch eben.

Alle Veranstaltungen im Überblick findet man hier: http://suomifinland100.fi

Videokanal auf Youtube von Suomi 100: https://www.youtube.com/watch?v=L4DxP0irRy8

Text und Bilder von Tarja Prüss

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