Eine Zwischenbilanz

Ein Jahr nach Finnlands Experiment mit bedingungslosem Grundeinkommen

| 28.01.2018 - 14:21 Uhr

Das Experiment mit dem bedingungslosen Grundeinkommen ist auf zwei Jahre angelegt, ein Jahr ist vergangen, das finnische Nachrichtenportal Yle Uutiset zieht eine Zwischenbilanz.

Bedingungsloses Grundeinkommen Finnland

(Foto Didier Weemaels)


Das Experiment hat viel Kritik einstecken müssen. Die Befürworter kritisieren, dass es zu schmal angelegt sei, auf eine zu kleine Gruppe beschränkt, daher auch beschränkt in der Wirkung. Die Gegener kritisieren, bedingungsloses Grundeinkommen verleite die Leute zur Faulheit.

Yle hat mit Juha Järvinen, einem Teilnehmer, gesprochen. Er sagt, das Grundeinkommen gäbe einem das Gefühl, der Gesellschaft etwas zurückgeben zu wollen.

Wie es in dem Bericht von Yle heißt, ist Juha Järvinen einer der 2.000 ausgewählten Langzeitarbeitslosen, die zufällig für ein Experiment ausgewählt wurden, bei dem die Teilnehmer monatlich 560 Euro steuerefrei und bedingungslos erhalten. Der Versuch will herausfinden, was sich nach zwei Jahren im Leben vieler Langzeitarbeitsloser ändert.

Es sei ein interessantes Jahr gewesen, sagt Järvinen gegenüber Yle. Er hat viele Interviews, nahezu 300, geben müssen, die Anfragen kamen aus der ganzen Welt. Das Interesse an dem Thema ist global.

Bevor er sich auf den Versuch einließ, war er fünf Jahre lang auf die Unterstützung durch das Arbeitsamt angewiesen gewesen. Obgleich die 560 Euro weniger sei als die Stütze, die er bekommen habe, passt es ihm besser in sein Leben, da er nicht mehr mit dem Arbeitsamt umgehen müsse. Er und seine Frau, die als Krankenpflegerin arbeitet, haben sechs Kinder. Diese Großfamilie und der Haushalt bestimmen die meiste Zeit seines Tages.

Zeit für Geschäftsideen

Vergangenen Sommer startete Järvinen eine Videoproduktionsfirma, die immer mehr in Schwung kommt. Er führt Gespräche mit Kollegen über den Betrieb einer „Kunst-Pension“ in seiner westfinnischen Stadt Kurikka.

Die Pension richte sich an Leute, die in ihren Ferien kreatives Arbeiten erlernen wollten; etwa Bildhauen, Malen und Videoschnitt. Das ideale Umfeld dafür, die Natur und die Studios, seien bereits vorhanden.

Järvinen rechnet damit, dass bis zum Auslauf des Versuches mit dem bedingungslosen Grundeinkommen in einem Jahr, sein Geschäft auf eigenen Füßen stehen wird.

Järvinens Kritik an der Beschränktheit des Versuchs

Gegenüber Yle zeigte sich Juha Järvinen darüber enttäuscht, dass der Versuch sich auf die Arbeitslosen beschränke. Weitere gute Zielgruppen wären Freelancer, Künstler und Kleinunternehmer gewesen.

Die Regierung hätte ein stärkeres positives Signal senden können, nach dem Motto „Selbsbestimmtes Arbeiten zahlt sich am Ende aus“ oder „Etwas Neues zu versuchen, kann sich lohnen“.

Järvinens Antwort an Kritiker, die das Grundeinkommen als Schützenhilfe für Faulenzer betrachten

Das Experiment versuche herauszufinden, so Järvinen, wie viele von ihnen letztlich damit endeten, faul auf dem Sofa herumzuliegen. „Ich persönlich glaube nicht, dass viele faul sein werden. Wenn wir das Gefühl haben, dass jemand für uns sorgt, versuchen wir automatisch, der Gesellschaft etwas zurückzugeben.“, sagte er im Yle-Bericht.

Vor Jahren hatte er als selbständiger Handwerker dekorative Fensterrahmen hergestellt. Sein Geschäft ging pleite, als er ausbrannte.

Für ihn fühle sich das Grundeinkommen an, als habe er seine Handlungsfähigkeit als Bürger Finnlands wiedererlangt. Durch die Insolvenz hatte er seine Kreditwürdigkeit verwirkt, was ihm sein Leben besonders erschwerte.

Das Geld ist nach wie vor knapp

Sein Lebensstandard habe sich nicht verbessert. Sie lebten nach wie vor genügsam und müssten zusehen, wie sie monatlich über die Runden kämen.

Die achtköpfige Familie muss mit 3.000 Euro Netto im Monat auskommen, was in Finnland oftmals bedeutet, dass es nur für das Nötigste zum Überleben reicht. Er bedanke sich bei der finnischen Kirche und besonders bei ihren Diakonen, diese hätten ihm besonders bei der Beschaffung von Essen sehr geholfen.

95 Prozent der Kleidung der Familie sei gespendet oder vom Flohmarkt. Anders sei das nicht zu machen.

Doch bedrücke ihn diese Situation nicht. Es habe damit zu tun, dass er nun eine Perspektive habe. Er und seine Familie schätzten sich glücklich, seine Kinder leben unbeschwert. Er sei dankbar für alle nicht-monetären Segnungen seines Leben.

Siehe auch: Bedingungsloses Grundeinkommen: Finnland wagt es

ap

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