Finanztransparenz vs. Finanz-Voyeurismus

Die Finnen wissen, was ihr Nachbar letzten Sommer verdient hat

| 2.11.2017 - 12:23 Uhr

Der 1. November ist ein besonderer Tag in Finnland. Nein, nicht wegen Allerheiligen und den kirchlichen Aktivitäten. Sondern wegen des Finanzamtes. In Finnland genügt ein Anruf, um herauszufinden, was der eigene Nachbar verdient. Am 1. November glühen die Leitungen der Finanzbehörden, es wird eine Orgie des Finanz-Voyeurismus‘ gefeiert.

Finanztransparenz: Wissen, was der Nachbar verdient

Wissen, was der Nachbar verdient. Finanztransparenz sei Dank.
(Foto Christian Stahl)


Es mag in weiten Teilen Europas für Kopfschütteln sorgen, doch das ist Teil der vielgepriesenen finnischen Transparenzpolitik. Vero, die finnische Steuerverwaltung, veröffentlicht am ersten Tag im November die Einkommen und Steuerleistungen eines jeden Finnen. Die Behörde hat eigens dafür eine Telefon-Hotline eingerichtet.

In den letzten Jahren hat das Interesse der Öffentlichkeit an den Einkommen zugenommen, angetrieben von den Medien, die pünktlich zum 1. November Einkommenslisten von B- bis A-Promis, Wirtschaftsbossen und Politikern veröffentlichen.

So erfuhren wir gestern zum Beispiel, dass 7 der Top 10-Verdiener Finnlands für die erfolgreiche Spielesoftware-Firma Supercell in Helsinki arbeiten. Gründer und Geschäftsführer des Unternehmens, Ilkka Paananen, verdiente im Jahr 2016 46.634.395 Euro. Der Creative Director der Firma, Mikko Kodisoja, musste 40.851.040 Euro versteuern. Der dritte Angestellte, John Nicholas Derome, landete mit etwas Abstand und 13.450.909 Euro Jahreseinkommen auf Platz 3.

Das Einkommen entstand nicht primär durch ein Angestelltengehalt, sondern durch die Beteiligung am Unternehmen. Vertreter der Old Economy sind dagegen abgehängt – sie landeten allesamt auf den letzten 3 Plätzen der Top 10.

Auf dem letzten Platz dieser Shortlist ist der Geschäftsführer des berühmten finnischen Aufzugherstellers Kone, mit 5.062.724 Euro Jahreseinkommen. Der Spitzensteuersatz liegt in Finnland bei 60 Prozent.

Kenne deinen Nachbarn

Was man über die Prominenz erfährt, erfährt man auch über jeden einzelnen Steuerzahler. Ein Anruf genügt.

Dazu sollte der Hotline-Anrufer folgende Informationen bereithalten: Name und Adresse der Person, deren Einkommen in Erfahrung gebracht werden soll. Um Verwechslungen zu vermeiden, sollte der Anrufer idealerweise auch das Geburtsdatum der Zielperson kennen.

Aus Finanzbeamtenkreisen heißt es, die Zahl privater Anfragen sei rückläufig. Die Journalisten hingegen brennen von Jahr zu Jahr ein größeres Einkommenstransparenzfeuerwerk ab, das berichtete das öffentlich-rechtliche Nachrichtenportal Yle am vergangenen Montag.

Einkommens-Abfrage-Terminals

Möglich, dass Anrufe durch Privatpersonen deshalb zurückgehen, weil die telefonische Anfrage bei vielen ein Unbehagen auslöst. So haben die Behörden, meist nur in größeren Städten, Terminals installiert, an denen der Bürger seine Recherchen eigenständig durchführen kann. Bisher gab es etwa 70 solcher Terminals an 28 Orten.

Inzwischen wurde die Zahl der Terminals auf 102 erhöht. Vero hofft, dass die Leute auf diese Weise ihre Steuerangelegenheiten öfter online erledigen.

Großes Medien-Interesse

1. November ist ein Fest für die Medien, der Content braucht nur abgerufen zu werden. So waren gestern die meisten Terminals für eine Stunde (zwischen 08:00 und 09:00 Uhr) für Medienvertreter reserviert.

Gegenüber Yle sagte ein Finanzbeamter, der Rückgang der telefonischen Anfragen durch Privatpersonen sei unter anderem darauf zurückzuführen, dass die Medien mit ihrer breit angelegten Berichterstattung über die Einkommensverhältnisse der Elite Finnlands bereits die Neugierde der meisten befriedigten.

Dazu käme die zunehmende Urbanisierung der Gesellschaft. Die Städter wüssten heutzutage oftmals nicht den Namen ihres Nachbarn.

Bei allem Voyeurismus, der an jedem 1. November des Jahres in Finnland abgefeiert wird, nach wenigen Tagen ist die Sensation vorüber, und die Finnen kehren wieder vor ihrer eigenen Tür. Der alljährliche Hype ist unterm Strich ein geringer Preis für eine Finanztransparenz, die dafür sorgt, dass eine Gesellschaft für Korruption und Schattenwirtschaft deutlich weniger anfällig ist.

ap

Teile diesen Artikel ...
Facebooktwittergoogle_plusredditpinterestmail

Hinterlasse einen Kommentar

Hinterlasse den ersten Kommentar!

avatar
wpDiscuz