Kleine Geschichte Estlands und Lettlands I: Das Mittelalter

Wo bitte liegt Livland?

| 9.06.2017 - 10:41 Uhr

1180 n.Chr.: Ganz Europa ist getauft und christianisiert. Ganz Europa? Nein, im fernen Nordosten, zwischen Polen und Finnland, Schweden und Russland leben einige kleine Völker, die noch zu ihren alten Göttern beten. Die im Norden, zwischen den großen Inseln im Westen und dem Peipus-See im Osten sprachen Dialekte, aus denen sich Jahrhunderte später das moderne Estnisch entwickeln sollte. Von dort bis hinunter zur Mündung der breiten Düna (Daugava) lebten die Liven. Auch ihre Sprache war finno-ugrisch, mit dem Estnischen und Finnischen eng verwandt.

In den Regionen östlich der Liven und im weiten Land westlich und südlich der Düna lebten die lettones (Letten oder Lettgaller), Selonen, Semgaller und Kuren. Südlich von ihnen die verschiedenen litauischen Gruppen und dann die Pruzzen. Sie alle sprachen verwandte Dialekte, die in der Sprachwissenschaft heute als „baltische Sprachen“ bezeichnet werden.

Karte: Livland vor 1200

Livland vor 1200

Die Kuren waren an der Ostsee als Piraten gefürchtet, sogar die schwedischen Wikinger hatten Angst vor ihren Raubzügen! Doch das war es nicht, was diese Gegend vor gut 830 Jahren so interessant machte. Es war die geographische Lage. Denn bis zur Erfindung der Eisenbahn war kein Transportweg so einfach und günstig wie der Wasserweg. Über die Ostsee, die Düna oder die Newa hinauf in die Weiten Russlands musste man reisen, wenn man die Pelze, Wachs, Holz und Teer der russischen Wälder in den Westen holen wollte. Und vom Oberlauf der Düna kam man leicht zur Wolga, über die man wiederum bis an die Seidenstraße gelangte. Genau in der Mitte dieser lukrativen Handelsroute lebten sie also, diese „letzten Heiden Europas“.

Nicht nur der dänische König (der damals versuchte, ein Reich rund um die Ostsee zu erobern) und die benachbarten russischen Fürsten hatten ein Auge auf dieses Land der Esten, Liven, Kuren und Letten geworfen. Auch aus Deutschland kamen immer mehr Kaufleute an die Ufer der Düna. Sie alle lieferten sich geradezu einen Wettlauf um die Region. Anders als früher aber wollten sie nicht mehr nur Handel treiben, sondern das Land – und somit den Transithandel – unter ihre Kontrolle bringen. Und weil die Völker dieser Region eben keine Christen waren, war ihr Land nach damaligem Verständnis quasi „Niemandsland“.

Mit der Gründung Lübecks (Verleihung des Stadtrechts 1160) hatten die deutschen Kaufleute endlich eine eigene Basis an der Ostseeküste. Von hier aus waren schon die ersten Missionare in das Land der Liven gekommen. Und von hier reiste auch der Missionsbischof Albert von Buxhöveden an den Unterlauf der Düna. Am Nordufer gründete er 1201 zwischen zwei livischen Dörfern eine Stadt, die er nach dem kleinen Flüsschen, das dort mündet, „Riga“ nannte. Hier liessen sich die Kaufleute, Handwerker und Ritter nieder, die mit Albert nach Livland (wie man bald das ganze Land der Liven, Kuren, Selonen, Letten und Esten nannte) gekommen waren.

Mit Albert war auch der Mönch Theoderich gekommen, der 1187-1193 schon bei den Liven gepredigt und Kaupo – einen ihrer Fürsten – getauft hatte. Wie andere Missionare zuvor hatte er erleben müssen, dass die Neugetauften von ihren Nachbarn und Verwandten, die den alten Göttern treu geblieben waren, verfolgt und getötet wurden. Von einer Reise nach Rom brachte er – als er zu Bischof Alberts Expedition stieß – zweierlei mit: Das Versprechen Papst Coelestins III., dass Kreuzzüge in das Land der Liven denen nach Jerusalem gleichwertig seien und die neueste „Erfindung“ aus dem Heiligen Land: Das Konzept des „geistlichen Ritterordens“: Mönche mit Schwert und Kettenhemd! 1202 gründete er daher in Riga zum Schutz der eigenen Missionsbemühungen in Livland den Orden der Fratres miliciae Christi de Livonia – oder kurz „Schwertbrüderorden“.

Von Riga aus wurden – mit tatkräftiger Hilfe der nach Livland reisendenden Kreuzritter und der Schwertbrüder – zunächst die Liven, dann nach und nach auch die Semgaller, Selonen, Kuren und Letten unterworfen und getauft. Das eroberte Land teilten sich Bischof Albert und der Schwertbrüderorden untereinander auf. Während der Orden sein Land direkt durch Ritterbrüder verwaltete, setzen der Bischof (ab 1255 Erzbischof) von Riga und die ihm untergebenen Bischöfe von Dorpat, Kurland und Ösel-Wiek Adelige als ihre Vasallen vor Ort ein. Für viele jüngere Brüder aus westfälischem und norddeutschem Ur- und Landadel eine einmalige Gelegenheit, eigenen Besitz zu erhalten!

Der Dannebrog fällt während der Schlacht von Lyndanisse vom Himmel

Der Dannebrog fällt während der Schlacht von Lyndanisse vom Himmel.
Gemälde von Christian August Lorentzen (1809), Statens Museum for Kunst, Kopenhagen.


Währenddessen waren auch die Dänen nicht untätig geblieben und hatten ihrerseits Schiffe ausgerüstet. Im Jahr 1219 umsegelten sie die großen Inseln und landeten bei Lyndanisse, einer estnischen Holzburg auf einem Hügel am Meer. Dort trat ihnen auf der Ebene namens Revele das Aufgebot der Esten entgegen. Die Legende sagt, dass die Dänen die Schlacht schon fast verloren hatten, als plötzlich der Himmel aufriss und eine riesige rote Fahne mit einem weißen Kreuz herabsank und ihnen den Sieg brachte. Ob die Dänen ihre Nationalfahne, den Dannebrog, tatsächlich dieser Schlacht verdanken, sei dahingestellt. Historisch gesichert ist jedoch, dass die Dänen siegten und den Nordwesten des estnischen Siedlungsgebiets unterwarfen. Sie besetzten die Burg von Lyndanisse und nannten sie Castrum Danorum („Dänische Burg“, auf Estnisch: „Taani-linn“). Auf der Ebene am Fuß des Hügels aber entstand die Stadt Reval.

Einer der ursprünglichen Ritterorden, der ordo teutonicus – der Deutsche Orden – war nach dem Verlust des Heiligen Lands gewissermaßen „obdachlos“ geworden. Ihn lud der polnische Herzog von Masowien ein, seine Nachbarn die zwischen Weichsel und Memel – die Pruzzen – auf die gleiche Weise zu missionieren, wie es ihren Verwandten in Livland geschehen war. So war also wenige Jahrzehnte nach der Gründung Rigas wirklich fast ganz Europa christianisiert. Nur die Litauer konnten den jährlichen Kreuzzügen so lange erfolgreich Widerstand leisten, bis sich ihr Fürst Mindaugas 1253 taufen ließ und den sogenannten „Litauenreisen“ der Kreuzritter ihre Rechtfertigung nahm.

Bereits siebzehn Jahre zuvor hatten die Litauer in der Schlacht von Schaulen den Schwertbrüdern eine Niederlage beigebracht, die fast alle Ordensritter das Leben kostete. Ein Jahr später – 1237 – wurde auf Geheiß der päpstlichen Kurie der Schwertbrüderorden unter einem eigenen Landmeister als „Livländischer Ordenszweig“ Teil des Deutschen Ordens.

Während sich die Litauer erfolgreich gegen die fremden Ritter wehrten, versuchten die Bewohner Livlands immer wieder in regionalen Aufständen, sich ihrer neuen Herren zu entledigen. Der letzte begann in der Georgsnacht, am 23. April 1343. In Harrien (Nordwest-Estland) und auf der Insel Ösel (Saaremaa) erhoben sich die Bauern, erschlugen ihre Herren und zündeten ihre Gutshäuser an. Zwei lange Jahre dauerte der Krieg, bis das Heer des Deutschen Ordens die letzten Fliehburgen der Aufständischen erobert hatte. Der dänische König Waldemar IV. verkaufte das Land, das ihm nur Ärger brachte statt Geld, schließlich 1346 dem Deutschen Orden für 10.000 Mark Silber.

Karte Estland Lettland im Mittelalter

Estland und Lettland im Mittelalter.


So hatte Alt-Livland – wie es in der Geschichtsschreibung oft genannt wird – die Gestalt gefunden, die es für den Rest des Mittelalters behalten sollte. Ein eigenartiger – nie förmlich geregelter – Zusammenschluss des Livländischen Ordenszweigs und der vier Stifte (Herrschaftsgebiete) des Erzbischofs von Riga und der Bischöfe von Kurland, Ösel-Wiek und Dorpat. (Der Bischof von Reval verfügte über kein eigenes Stift). Während sie nach außen sich immer wieder erfolgreich gegen Eroberungsversuche russischer Fürsten wehrten, waren sie nach innen meist schwer zerstritten. Vor allem der Erzbischof von Riga und der Landmeister des Ordens stritten beständig darum, wer nun eigentlich der oberste Herr im Lande sei: Der Erzbischof reklamierte die Würde für sich, schließlich habe sein Vorgänger die Stadt Riga, den Schwertbrüderorden, ja alles eigentlich begründet. Der Landmeister hingegen verwies darauf, dass die Orden die Hauptlast der Landesverteidigung trage, während die Bischöfe ihren Verpflichtungen nicht nachkämen.

Währenddessen leben auf dem Land die Adeligen als Vasallen von Bischöfen und Orden in ihren Burgen und Gutshöfen. In den Städten – deren drei größte Riga, Reval und Dorpat stolze Mitglieder der Hanse waren – handelten und herrschten die deutschen Kaufleute über die deutschen und nicht-deutschen (estnischen, livischen, lettischen) Handwerker und Knechte – fast wie im Bilderbuch. Bis zur Reformation. Doch das ist ein neues Kapitel der Geschichte Estlands und Lettlands.

Eine kleine Anmerkung zu den Namen: Die Geschichte Estlands und Lettlands bringt es mit sich, dass im Laufe der Jahrhunderte dort Menschen ganz verschiedener Muttersprachen neben- und miteinander lebten. Dies führt – neben der politischen Geschichte – dazu, dass jede Stadt, fast jedes Dorf bis zu kleinen Inseln und Gutshäusern mehrere Namen tragen. Einen deutschen, einen estnischen und einen lettischen, oft auch noch einen schwedischen und einen russischen. Je nachdem, welche Sprache man gerade sprach oder schrieb, benutzt(e) man diesen oder jenen Namen für ein und denselben Ort. Was sich gelegentlich änderte, war die Amtssprache, nicht der Name der Stadt, wie estnischer Historiker zu sagen pflegte.

Dieser Beitrag folgt der Konvention, die von Historikern im Baltikum wie in Deutschland verwendet wird: Für die Zeit vor 1918 wird der deutsche Ortsname verwendet, für die Zeit nach 1918 der estnische/lettische.

Text und Karten von Dr. Martin Pabst

Über den Autor
Dr. Martin Pabst studierte Geschichte und Theologie und wurde mit einer Arbeit zur Reformationsgeschichte Rigas promoviert. Er arbeitet als Wissenschaftlicher Leiter zweier Stiftungen sowie freiberuflich als Autor, Studienleiter und Vortragsredner.
dr-martin-pabst.de // twitter.com/Dr_Martin_Pabst

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