Kleine Geschichte Estlands und Lettlands V

Krieg, Pest und neue Herren – Das Ende des livländischen Mittelalters

| 2.03.2018 - 9:06 Uhr

Livland: Wo sich heute die Staaten Est- und Lettland erstrecken, herrschten vor fünfhundert Jahren der Deutsche Orden und die (Erz)Bischöfe von Riga, Dorpat, Kurland und Ösel-Wiek mit ihren adeligen Vasallen, die ebenso wie die Kaufleute der Städte aus Deutschland stammten, über Esten und Letten, die Bauern, Fischer und einfache Handwerker waren.

Livländischer Staatenbund

Staat des Deutschen Ordens, Livländischer Staatenbund.
(Karte von Ronald Preuss, CC-BY-SA-2.5)


Über drei Jahrhunderte hatte diese Ordnung Bestand gehabt. Trotz allem inneren Zwist zwischen dem Ordensmeister und dem Rigaer Erzbischof um die Vorherrschaft im Land, hatte man sich besonders gegen die russischen Fürstentümer im Osten wehren können.

Doch die Welt hatte sich gewandelt: Die Ideen der Reformation setzten sich in Livland mehr und mehr durch und entzogen der Herrschaft von Orden und Bischöfen ihre Legitimität – aber auch konkrete politische und militärische Macht. In Russland hatte Großfürst Iwan IV. von Moskau alle anderen russischen Fürstentümer unter seiner Herrschaft vereinigt und sogar die Khanate von Kasan und Astrachan erobert.

Seit Jahrzehnten herrschte ein Frieden zwischen Moskau und Livland, der immer wieder erneuert worden war, denn damals galten Friedensschlüsse auf Zeit. Von Mal zu Mal steigerte Iwan IV., genannt der Schreckliche, der sich 1547 zum Zaren (also Kaiser) von Russland hatte krönen lassen, seine Forderungen.

Als dann im Winter 1557/58 die livländische Gesandtschaft ohne das geforderte Geld an seinem Hof erschien, fühlte sich Ivan getäuscht. Im Januar und Februar 1558 ließ er seine Truppen erste Streifzüge durch den Osten Livlands unternehmen, um seinen Forderungen Nachdruck zu verleihen. Hätten die Livländer schnell gezahlt, nun, dann wäre wohl alles anders gekommen.

Dorpat (Tartu) um 1533

Dorpat (Tartu) um 1533.


Doch weil sie sich nicht einigen konnten, änderte der Zar im April 1558 seine Meinung. Von nun an wollte er Livland erobern. An die Stelle der Reitertruppen, die hier und da Bauernhöfe niederbrannten, schickte er nun sein Heer, das Burgen, Schlösser und Städte belagerte. Im Juli kapitulierte Dorpat, die Bischofsresidenz in Südostestland, und seine Bewohner wurden in das Innere Russlands verschleppt.

Den Menschen in Livland – vor allem denen mit Macht und Einfluss – war klar, dass das alte Livland sich nicht aus eigener Kraft wehren konnte. Das vereinigte Russland Iwans war mächtiger als alle russischen Gegner in den Jahrhunderten zuvor und Orden und Stifte schwächer und zerstrittener denn je.

Es war offensichtlich: Wer sich nicht dem Zaren unterwerfen wollte, brauchte Unterstützung von außen. Doch an wen sollte man sich wenden? Seit die deutschen Missionare mit den Rittern und Kaufleuten in das Land gekommen waren, hatten sie bei Streitfragen zwei Instanzen angerufen: Den Papst und den Kaiser, die Oberhäupter der Kirche und des Reiches, denen man angehörte.

Mit der Reformation aber hatte man die römische Kirche verlassen. Und der Kaiser war fern und hatte Probleme, die ihm wichtiger waren. Die direkten Nachbarn hingegen waren in ihrem Wettstreit um die Vorherrschaft im Ostseeraum deutlich interessierter an der Frage, wer Livland beherrscht.

So fanden sich unter den Bischöfen, Adeligen, Ordensrittern, Ratsherren verschiedene Fraktionen. Die einen sahen im schwedischen König die Rettung, denn dieser war ebenfalls evangelisch. Anders als der König von Polen-Litauen, dessen Reich sich auch über das heutige Weißrussland und weite Teile der Ukraine bis ans Schwarze Meer erstreckte. Und dann war da noch Dänemark, dessen König auch Norwegen und Schonen (heute Südwestschweden) regierte und bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts als Herzog von Estland auch Reval und die Regionen Harrien und Wierland.

Gotthard Kettler

Gotthard Kettler, der letzte Landmeister des Deutschen Ordens in Livland. Ab 1561 erster Herzog von Kurland und Semgallen. (Originalgetreue Reproduktion von Julius Döring, 19. Jhdt.)


Als sich im Sommer 1558 die russischen Truppen näherten, setzten sich in Reval die Anhänger der dänischen Fraktion durch und unterstellen die Stadt und das Ordensschloss auf dem Domberg Dänemark. Doch als dessen König davon erfuhr, befahl er die Rückgabe an Gotthard Kettler, da er keinen Konflikt mit Russland suchte. Gotthard Kettler – von dem noch viel die Rede sein wird – war ein Ordensritter, der seine Hoffnungen auf Polen setzte. Und er war gegen dessen Willen zum Koadjutor des Ordensmeisters Fürstenberg gewählt worden.

Einem weiteren russischen Vormarsch folgte 1559 ein Waffenstillstand, den die Livländer nutzten, um Hilfe zu suchen. Aus dem Reich schlug ihnen nur Desinteresse entgegen und als Lübeck begann, den Russen über das besetzte Narwa Rüstungsgüter zu verkaufen, war klar, dass auch die Hanse keine Hilfe bringen wird.

Die Verhandlungen Gotthard Kettlers mit dem polnischen König Sigismund II. August schienen da zunächst erfolgreicher: Der Ordensmeister Fürstenberg musste zurücktreten und sein Nachfolger Kettler und der Erzbischof von Riga übertrugen dem König Teile Livlands, dessen Unterstützung war aber geringer als benötigt.

Statt also Dorpat zurückerobern zu können, begann hier etwas, was als „stückweiser Ausverkauf Altlivlands“ bezeichnet werden kann: Der Herzog von Preußen bekam das Amt Grobin in Kurland und der neue dänische König Friedrich II. kaufte das Bistum Ösel-Wiek für seinen Bruder. (Zu diesem Bruder ein andermal mehr.)

Welche Folgen die Uneinigkeit der Livländer untereinander hatte, zeigt auch das Schicksal des ehemaligen Ordensmeisters Fürstenberg. Als die russischen Truppen näherkamen verschanzte er sich mit seinen Rittern, Bürgern und Söldnern in Fellin. Hinter den festen Mauern hatten sie Nahrung und Munition für eine lange Belagerung. Das einzige, was fehlte, war Geld, um die Söldner zu bezahlen. Und da Kettler keines schickte, fiel Fellin letztlich durch den Verrat meuternder Söldner.

Mittlerweile war auch der schwedische König gestorben und der neue, Erik XIV. mit Namen, zeigte großes Interesse an der Entwicklung in Livland. 1561 kündigten die Stadt Reval und die Harriensche Ritterschaft – nach langen Verhandlungen – dem Ordensmeister Kettler den Treueeid und unterstellten sich Schweden.

Kettler hatte seit langem den Plan verfolgt, Livland unter polnischer Oberhoheit in ein weltliches Herzogtum umzuwandeln. Nach dem Verkauf Ösel-Wieks und nun auch noch dem Abfall Revals und Harriens wurde seine Position gegenüber Sigismund II. August immer schlechter, sodass er die Verhandlungen zum Abschluss brachte.

Im Jahr 1562 war es dann soweit: Kettler wurde als Herzog von Kurland und Semgallen Lehensmann des polnischen Königs. Das „überdünsche Livland“ – alles Land nördlich der Düna – wurde aber als polnische Provinz direkt dem König unterstellt.

Das Livland des Mittelalters hatte endgültig aufgehört zu existieren. Staatsrechtlich zumindest. Denn als Teil des Handels erließ der König das „Privilegium Sigismundi Augusti“, das Livland noch für Jahrhunderte prägen sollte. Denn er versprach darin, dass im Land der „deutsche Glaube“ (das lutherische Augsburger Bekenntnis) und die „deutsche Verwaltung und Rechtsprechung“ weiterhin gültig bleiben sollten. Und mit dem Indigenatsprinzip, dass nur Söhne des Landes in der Verwaltung eingesetzt werden dürfen und keine fremden Freunde des Königs.

Der schwedische König Erik hatte inzwischen einen 20jährigen Waffenstillstand mit den Russen geschlossen. Da er aber den Handel mit Russland unterband, kam es zum Krieg mit Dänemark und Lübeck, dem sich auch die Polen anschlossen und der – wen wundert es – auch in Livland ausgetragen wurde.

Der deutschbaltische Historiker Heinz von zur Mühlen urteilte: „In diesem Krieg war im Vorteil, wer genügend Geld besaß, um die Söldner zu bezahlen, unter denen die sogenannten Hofleute eine wichtige Rolle spielten: Angehörige des Adels ohne eigenen Besitz, ehemalige Ritter und Dienstleute des Ordens, Städter und Hergelaufene aus aller Welt […]. Allmählich arteten die Kämpfe zum Bandenkrieg aus, verursacht durch die Zügellosigkeit schottischer Hilfstruppen der Schweden und die grausame Kriegsführung der Russen.“

Wie grausam dieser Krieg war, zeigte sich 1577, als die Besatzung der Burg von Wenden sich mit allen in die Burg geflüchteten Bürgern, Frauen und Kindern in die Luft sprengte, um nicht in die Hände der Russen zu fallen.

Als der schwedisch-russische Waffenstillstand sich dem Ende näherte, schloss Schweden ein Bündnis mit Polen-Litauen. Im Winter 1580/81 marschierte der schwedische Feldherr Pontus de la Gardie mit seiner Armee vom finnischen Wiborg über die zugefrorene Ostsee nach Estland und eroberte Wesenberg und Narwa.

Ein Jahr später schloss Zar Iwan IV. mit Polen den Frieden von Jam Zapolski und mit Schweden einen Waffenstillstand. Einige Jahre später sollte sein Sohn Fjodor I. noch einmal vergeblich versuchen, Estland zu erobern. Das große Ziel des Zaren, auch Livland seinem Reich einzuverleiben, war gescheitert.

Während sich alle anderen Akteure Dänemark, Schweden, Polen oder auch Russland zugewandt hatten, hielt die Stadt Riga daran fest, dass sie eine Reichsstadt sei und nur den Kaiser über sich habe. Dazu hatte sicherlich beigetragen, dass mit Sigismund II. August die polnisch-litauische Dynastie der Jagiellonen ausstarb und es mehrfach so aussah, als würde der polnische Thron an einen Verwandten des Kaisers fallen. Als sich diese Pläne zerschlugen, unterstellte auch Riga sich Ende 1581 dem polnischen König.

In diesem Livländischen Krieg war nicht nur das mittelalterliche Livland untergegangen. Städte, Dörfer und Bauernhöfe wurden – zum Teil immer und immer wieder – verwüstet und zerstört. Die einfachen Menschen erlitten durch die Soldaten aller Seiten unsägliches Leid.

Durch die modernsten Medien der damaligen Zeit – Flugblätter mit Holzschnitten – gelang es den Anhängern Schwedens und Polens, die Aufmerksamkeit Europas vor allem auf die Grausamkeit der tatarischen Reitertruppen Iwans IV. zu lenken. Dieses Bild der „halbasiatischen Horden“, die mordend und vergewaltigend durchs Land ziehen, sollte sich über Jahrhunderte halten, sodass es später von ganz anderen Akteuren für ihre Propaganda wachgerufen werden konnte.

Eine kleine Anmerkung zu den Namen: Die Geschichte Est- und Lettlands bringt es mit sich, dass im Laufe der Jahrhunderte dort Menschen ganz verschiedener Muttersprachen neben- und miteinander lebten. Dies führt – neben der politischen Geschichte – dazu, dass jede Stadt, fast jedes Dorf bis zu kleinen Inseln und Gutshäusern mehrere Namen tragen. Einen deutschen, einen estnischen und einen lettischen, oft auch noch einen schwedischen und einen russischen. Je nachdem, welche Sprache man gerade sprach oder schrieb, benutzt(e) man diesen oder jenen Namen für ein und denselben Ort. Was sich gelegentlich änderte, war die Amtssprache, nicht der Name der Stadt, wie estnischer Historiker zu sagen pflegte.

Dieser Beitrag folgt der Konvention, die von Historikern im Baltikum wie in Deutschland verwendet wird: Für die Zeit vor 1918 wird der deutsche Ortsname verwendet, für die Zeit nach 1918 der estnische/lettische.

Text von Dr. Martin Pabst

Über den Autor
Dr. Martin Pabst studierte Geschichte und Theologie und wurde mit einer Arbeit zur Reformationsgeschichte Rigas promoviert. Er arbeitet als Wissenschaftlicher Leiter zweier Stiftungen sowie freiberuflich als Autor, Studienleiter und Vortragsredner.
dr-martin-pabst.de // twitter.com/Dr_Martin_Pabst
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