Posse um britische Reisepässe

Wie Frankreich vom Brexit profitiert

| 23.03.2018 - 7:00 Uhr

Begeisterte Brexiteers verkündeten vor einigen Monaten stolz, dass der Reisepass der mächtigsten Insel der Welt (so scheinen sie zu denken) nach Verlassen der bösen EU nun wieder in wunderschönem, royalen Dunkelblau erstrahlen werde. Wie in guten alten Zeiten. Bisher einer der lustigsten Punkte in der Brexit-Debatte, meiner Meinung nach.

Britischer Reisepass

Der aktuelle britische Reisepass. (Foto www.europealacarte.co.uk/blog)


Vor 1988 sah der Reisepass noch gut aus. Nun hat sogar die Türkei einen burgunderroten Pass, wahrscheinlich weil sie der EU beitreten will, wovor viele Brexiteers Angst haben. Der Reisepass ist schon mal ein guter Anfang für den Beitritt. Wahrscheinlich. Welches Argument bleibt der EU nun noch, die Türkei nicht aufzunehmen? Also schnell weg mit dieser scheußlichen Farbe.

Wie gesagt, die Vorfreude auf den neuen blauen Reisepass war groß bei den Brexit-Befürwortern. Er wurde als Symbol für die Wiedererlangung der Kontrolle über die eigenen Grenzen angesehen.

Gestern dann der Riesenschreck: Die Firma, die den Auftrag für die neuen Reisepässe bekommen soll, sitzt in Frankreich, IN DER EU! Die niederländisch-französische Firma Gemalto hat sich angeblich den Vertrag gesichert.

Dies behauptet zumindest der britische Hersteller De La Rue, der bislang die Reisepässe für das Vereinigte Königreich im Vereinigten Königreich herstellte. Der neue Vertrag bringt dem Unternehmen Gemalto 490 Mio. £ Umsatz.

De la Rue-Boss, Martin Sutherland, sagte: “Während der letzten Monate haben wir die Minister glücklich verkünden gehört, dass der neue blaue Reisepass eine Ikone der britischen Identität sein würde. Doch nun soll diese Ikone der britischen Identität in Frankreich hergestellt werden.“ Er fügte hinzu, dass er gerne Theresa May oder Amber Rudd in seiner Fabrik begrüßen würde, wo sie seinen hingebungsvollen Arbeitern erklären sollten, wieso dies eine vernünftige Entscheidung sei.

Das Innenministerium teilt mit, die Ausschreibung der Aufttragsvergabe sei fair gewesen und habe europaweit stattgefunden. Der Steuerzahler könnte nun 120 Mio. £ sparen und 70 neue Arbeitsstellen im Vereinigten Königreich würden geschaffen werden.

De La Rue, die die britischen Reisepässe seit 2009 produzieren, sagt, es wurde von Gemalto unterboten. Zudem durfte De La Rue sich im Gegenzug nicht auf den Druck französischer Pässe bewerben.

Es sei bisher unklar, ob Arbeitsstellen in der Fabrik in Gateshead betroffen sind. Im vergangenen Jahr waren dort über 600 Personen beschäftigt.

Die Firma gab eine Gewinnwarnung aus, welche zu einem Kursrutsch der Aktie führte. Allein am Dienstagmorgen war die Aktie um weitere 4.7% gefallen.

Brexiteer Priti Patel nennt die Entscheidung beschämend und pervers.

Der liberaldemokratische Brexit-Sprecher, Tom Brake, meldete sich zu Wort: „Die Saga um den blauen Pass entwickelt sich zu einer Farce. Erst stellte sich heraus, dass wir nicht die EU verlassen mussten, um blaue Pässe zu bekommen. Nun erfahren wir, dass die Pässe in einer ausländischen Firma gedruckt werden sollen.

Um die Sache noch schlimmer zu machen, werden wir mehr als nötig für unsere neuen Pässe bezahlen, da das Pfund nach dem Brexit fallen wird und die Pässe importiert werden müssen.“

Wie bei allen Brexit-Fragen ist nur eines Gewiss: die Ungewissheit.

Pia Kurtsiefer

Über die Autorin
Vor 14 Jahren zog Pia Kurtsiefer aus dem Rheinland nach London, um als Lehrerin in einer Schule für autistische Kinder zu arbeiten. Heute lebt sie mit Kind und walisischem Mann in Hertfordshire. Für NORDISCH.info schreibt sie die Serie „Briefe aus England“.
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