Briefe aus England – Ein Versuch der Einbürgerung nach Brexit

Das Vereinigte Königinnenreich der Xenophoben und Illusorischen?

| 6.05.2017 - 18:12 Uhr

Der 23. Juni 2016 war ein verhängnisvoller Tag. Großbritanniens Einwohner, diejenigen, die diese Identität auch im Pass vermerkt haben und wählen durften, und dann auch tatsächlich gewählt haben (72.2%), haben knapp (52%) für Brexit gestimmt. Warum, wissen viele nicht. Eine Schulmama erzählte stolz, sie habe für Brexit votiert, da sie den Euro nicht als Währung haben möchte.

Wohin nach Brexit

Wohin geht die Reise für Europa nach dem Brexit? (Foto NORDISCH.info)


Vor fast 13 Jahren kam ich beruflich nach Großbritannien. Nach London. Der Stadt, die mit 59.9% gegen Brexit gestimmt hat. In Haringey, dem Bezirk in dem ich wohnte, haben sich sogar 75.6% gegen Brexit entschieden. Ich habe dort an einer Schule gearbeitet, zusammen mit Briten und etlichen Kolleginnen aus der EU.

Der Hauptgrund, weshalb ich damals nach London gezogen bin statt in die USA, war die Tatsache, dass ich ohne Aufwand in Großbritannien arbeiten durfte. Ohne Visum, ohne bürokratisches Palaver.

Wie sehr das Resultat des 23. Juni 2016 das alles änderte!

Niemand kann mir garantieren, dass ich hier weiterhin ohne Visum arbeiten darf. Keine Garantie gibt es außerdem dafür, dass ich hier wohnen bleiben darf, sobald mein Sohn volljährig ist.

Da ich die Resultate der Verhandlungen nicht abwarten möchte, entschied ich mich, die britische Staatsbürgerschaft zu erwerben. Weil ich die Kriterien erfülle, dachte ich, es sei ein relativ einfaches, wenn auch teures Verfahren.

Ich muss den ‚Life in the UK‘-Test bestehen, dann den Antrag auf den britischen Pass stellen. Der Test kostet £50 und kann bis zum Erfolg für den gleichen Preis wiederholt werden. Der restliche Prozess mit Vereidigung und Pass kostet £1.121. Das ist um ein Vielfaches höher als z.B. die deutsche Einbürgerung, die €255 kostet.

Seit dem 12. November 2015 müssen Bewerber nun zuerst die ‚Permanent Residence Card‘ für £65 erwerben, bevor der oben beschriebene Prozess in Gang gesetzt werden kann. Da ich seit mehr als fünf Jahren hier wohne, bin ich automatisch ein ‚Permanent Resident‘, jedoch benötige ich nun diese Karte vorab.

Die Kriterien sind Aufenthalt seit fünf oder mehr Jahren, und das letzte Jahr vor Antrag muss diese Karte in Besitz sein, wenn die Zeit unter sechs Jahren beträgt. Eine Person, die fünf Jahre hier wohnt, aber erst jetzt die ‚Permanent Residence Card‘ bekommt, muss noch ein Jahr warten, bevor der Antrag auf Einbürgerung gestellt werden kann. Bei Personen, die mit einem britischen Menschen verheiratet sind, reduziert sich die Zeit, die hier vorab gewohnt werden muss, auf drei Jahre.

Das Dokument, das ich nun hier neben mir liegen habe und für die ‚Permanent Residence Card‘ ausfüllen soll, enthielt eine weitere Überraschung. Ich muss auflisten, wann ich das Vereinigte Königreich seit meiner Ankunft 2004 verlassen habe, und für wie lange. Alle Reisen seit diesem Zeitpunkt muss ich auf den Tag genau dokumentieren. Siehe Abbildung. Natürlich habe ich keine Ahnung, wann genau ich dieses Land in den letzten 13 Jahren verlassen habe, und für wie lange. Ich war in Deutschland, Irland, Frankreich und Spanien.
UK Formular
Nicht ausreichend genug. Also muss ich nun weitere £10 bezahlen, um die genauen Daten von der Regierung zu erhalten. Ein weiteres Dokument, was ausgefüllt werden muss. Mehr Aufwand, mehr Zeit, die mir davonrennt.

Und dann? Was passiert schließlich mit diesem Land, in dem ich mit meiner Familie wohne? Darauf weiß weiterhin, und noch für lange Zeit, niemand eine Antwort.

Pia Kurtsiefer

Über die Autorin
Vor 13 Jahren zog Pia Kurtsiefer aus dem Rheinland nach London, um als Lehrerin in einer Schule für autistische Kinder zu arbeiten. Heute lebt sie mit Kind und walisischem Mann in Hertfordshire. Für NORDISCH.info schreibt sie die Serie „Briefe aus England“.
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