Briefe aus England – Kommentar zur Parlamentswahl in Großbritannien

Im Juni schon wieder May?

| 9.06.2017 - 20:33 Uhr

Klar ist heute nur eines: Theresa May hat sich, ähnlich wie David Cameron vor fast genau einem Jahr, selbst in den Fuß geschossen. Ein ‘Hung Parliament’ begrüßte uns an diesem Morgen.

Theresa May

Theresa May (Quelle UK Home Office)


Ganz anders hat Frau May sich den Wahlausgang vorgestellt. Sie wollte ihre Mehrheit ausbauen, um bei den Brexit-Verhandlungen gestärkt hervorgehen zu können. Sie wollte behaupten können, die britische Bevölkerung stehe hinter ihren harten Forderungen bezüglich der Trennung von der EU.

Stattdessen hat die Tory Partei keine erforderliche Mehrheit mehr, nicht genügend Sitze, um alleine regieren zu können.

Hastig, machtgierig und verzweifelt wandte sich Frau May an die DUP (Democratic Unionist Party of Northern Ireland), die zehn Sitze ergatterte, und mit deren Hilfe sie dann doch regieren dürfte.

Schauen wir uns diese Partei einmal genauer an: 2015 sorgte sie für Furore, als deren Gesundheitsminister Jim Wells behauptete, Homosexuelle seien mit ihren Rechten zu weit gegangen, und man habe kein Kind in einer homosexuellen Partnerschaft groß zu ziehen. Das Kind sei in einer solchen Beziehung mehr geneigt, missbraucht oder vernachlässigt zu werden. Nach dieser Äußerung ist er zum Glück zurückgetreten, aber der fiese Nachgeschmack ist geblieben und sogar verstärkt worden durch Äußerungen von Ian Paisley Jr, dem Sohn des Parteigründers. Dieser nannte Homosexualität „unmoralisch, anstößig und abscheulich“ und sagte, er sei ‚angewidert‘ von Schwulen und Lesben.

Einst führte die Partei eine Kampagne mit dem Namen „Rettet Ulster vor Sodomie“.

Letztes Jahr hat der DUP Politiker Trevor Clarke behauptet, nur homosexuelle Menschen können sich mit HIV infizieren.

Konsequent dieser irrsinnigen Ansichten nach spricht sich die DUP gegen gleichgeschlechtliche Ehe aus, die in England, Wales und Schottland seit 2014 rechtmäßig ist. In Nordirland ist sie bis heute nicht legalisiert.

Die Partei spricht sich stark gegen Abtreibung aus, und betont, nicht dieselben Freiheiten diesbezüglich zu vertreten wie sie in England bestehen.

Ein früherer Umweltminister der Partei, Sammy Wilson, bestritt, dass es einen Klimawandel gibt, der von Menschen beeinflusst ist.

Schließlich setzt sich die Partei für Religionslehre nach der Bibel ein, und dementiert die Evolutionstheorie. Kinder sollen streng religiös unterrichtet werden, um dem evolutionstheoretischen Lehren entgegenzuwirken.

Frau May hat Jeremy Corbyn von der Labour Partei häufig beschuldigt, ein IRA-Sympathisant zu sein. Doch die DUP wurde politisch und öffentlich von der ‘Ulster Defense Association’, dem ‘Red Hand Commando’ unterstützt. Wie wird Frau May dies nun rechtfertigen?

Es ist außerdem erwähnenswert, dass z.B. die Grüne Partei (Green Party) insgesamt weitaus mehr Stimmen erhalten hat als die DUP, jedoch nur einen Sitz gewonnen hat (in Brighton, wo die Green Kandidatin Caroline Lucas ihren Sitz im Parlament mit 30.139 Stimmen verteidigen konnte). Andere Kandidaten der Green Party erhielten ebenfalls Stimmen in den tausenden, jedoch konnten sie keinen weiteren Sitz gewinnen, da Kandidaten anderer Parteien mehr Stimmen erhielten und somit diese jeweiligen Bezirke für sich sichern konnten.

Was nun? Es wäre wohl besser gewesen, wenn die „Official Monster Raving Loony Party“ gewonnen hätte. Eine Loony Party (bestehend aus zweien) haben wir auf alle Fälle!

Pia Kurtsiefer

Über die Autorin
Vor 13 Jahren zog Pia Kurtsiefer aus dem Rheinland nach London, um als Lehrerin in einer Schule für autistische Kinder zu arbeiten. Heute lebt sie mit Kind und walisischem Mann in Hertfordshire. Für NORDISCH.info schreibt sie die Serie „Briefe aus England“.
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