Buchbesprechung

So viel mehr als nur Honig – Maja Lundes Roman „Die Geschichte der Bienen“

| 15.03.2018 - 10:34 Uhr

Maja Lundes Roman beginnt im Jahr 2098 in Chinas Provinz Sichuan. Die Bienen sind von der Erde verschwunden und die zivilisierte Welt, wie wir sie kannten mit. Tao, eine Arbeiterin, die mit vielen anderen, statt der Bienen, die chinesischen Obstplantagen von Hand bestäubt, beschreibt ihren Alltag.

Buchbesprechung Maja Lunde Die Geschichte der Bienen

Der Roman ist das meisteverkaufte norwegische Buch 2017 in Deutschland. (© btb Verlag)


Die mühsame Arbeit, von Ast zu Ast zu klettern und dabei keinen abzubrechen. Von der Last, die die menschlichen Bienen für die Bäume sind und von Früchten, die am Ende wertvoll wie Gold einzeln in Papier eingewickelt werden. Mit den Bienen verschwand nicht nur der Honig. Das ganze Ökosystem der Erde hat sich verändert. Mit den fehlenden Früchten kam auch die Not. Es fehlte an Futter für die Tierhaltung und so sind nicht nur Früchte ein kostbares Gut, sondern auch Fleisch stellt einen Luxus dar, den wohl nicht einmal unsere Urgroßeltern kannten.

Dann springt die Handlung zu William nach England in das Jahr 1852. Das Jahr, in dem im Vereinigten Königreich das erste Patentgesetz in seiner modernen Form erlassen wird. Queen Victoria ist zu dieser Zeit Königin und im viktorianischen Zeitalter erlebt England den Höhepunkt seiner politischen und ökonomischen Macht. In dieses Jahr fällt es auch, dass bei dem Untergang des britischen Truppenschiffes Birkenhead erstmalig der Befehl „Frauen und Kinder zuerst!“ erschallt. Bienen gibt es in der Zeit von William reichlich. Jedoch werden sie, wenn, in Bienenkörben gehalten, und man muss mehr oder weniger den Korb zerstören, um an den Honig und das Wachs zu gelangen.

Der Protagonist William ist ein Samenhändler und gescheiterter Biologe. Seine vielversprechende Karriere als Forscher endete jäh, als er sich in die junge Thilda verliebte, und mit der einsetzenden Kinderschar auch ganz profane Sorgen Einzug in sein Leben hielten.

Dann springt Maja Lunde zum dritten Handlungsstrang, zu Georg aus Ohio in den USA im Jahr 2007. Ein Imker, dessen Vorfahren schon Imker waren und der stur seine eigenen Magazine für die Bienen zimmert, statt sie beim Großlieferanten zu bestellen. Magazine, die der Korbimkerei technologisch überlegen waren, da man Kästen mit herausnehmbaren Waben den Bienen bereitstellte. Diese konnten zum Ernten herausgenommen werden. Und erstmals war eine Honiggewinnung möglich, ohne dabei zerquetschte Bienen und ein womöglich zerstörtes Volk in Kauf nehmen zu müssen.

In jedem Kapitel springt die Erzählerin zwischen diesen drei Welten. Zwischen diesen drei Zeiten. Und zwischen den Lebensgeschichten von Tao, William und Georg hin und her. Hübsch geschrieben, die Sprache ein wenig zu einfach. Man merkt, dass die norwegische Autorin zuvor Kinderbücher geschrieben hat, dachte ich. Doch dann nehmen die Handlungen an Fahrt auf und die Erzählstränge weben sich zu einem Muster und nähern sich einander an. Am Ende staunte ich über die Kunst der Erzählerin, die die Schicksale dieser drei Personen an das Schicksal der Bienen knüpfte und völlig zu Recht einen internationalen Bestseller damit geschrieben hat.

Siehe auch: Verkaufsrekord für norwegische Literatur

Maja Lunde, geboren 1975 in Oslo, ist bislang als Kinder- und Drehbuchautorin in Norwegen bekannt gewesen. Mit „Die Geschichte der Bienen“ war sie nicht nur in ihrer Heimat erfolgreich, sondern war auch das meistverkaufte Buch 2017 in Deutschland und Bestseller in mehreren anderen Ländern.

Dieses Buch, das ich zu Beginn so unterschätzt hatte, hat offensichtlich nicht nur mich gefesselt und bewegt. Seit ich es las, habe ich es noch mehrfach an Freunde verschenkt. Seit ich es las, verstehe ich, weshalb es Menschen gibt, die auf Honig verzichten wollen. Und seit ich es las, so seltsam das auch klingen mag, sehe ich Bienen mit anderen Augen.

Wären Sie mein Freund, ich würde es Ihnen schenken.

Die Geschichte der Bienen* – Roman
btb Verlag (20. März 2017)
Gebundene Ausgabe: 528 Seiten

Helena

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